Cottrell, Leonard - Der Faden der Ariadne

Cottrell, Leonard - Der Faden der Ariadne

Beitragvon Stefan Jahnke » 2. Sep 2012, 17:49

Rezension

Buchtitel: Der Faden der Ariadne
Autor: Leonard Cottrell
Genre: Hobby-Archeologie
Verlag: Efstathiadis Group A.E. 1998
ISBN: 978-9-6022-6273-3
Buch: 342 Seiten, PB, 18,2 x 11,2 x 2,2 cm


Als ich das Buch das erste Mal sah, war ich bereits zum fünften Male in Griechenland und stand unter dem Einfluss eben erlebter Entdeckungsreisen auf Kreta. Der dortige Stierkult der Minoer wird schon durch das geschickt, wenn auch schlicht gestaltete Cover aufgegriffen. Der Klappentext lässt kaum Wünsche eines Reisenden übrig, der nach viel Palaver der Reiseleitung noch ein wenig mehr oder vielleicht auch nur anders berichtete Geschichte über Kreta, Griechenland und damit im Zusammenhang stehende Ausgrabungen erfahren möchte.

Das Buch beginnt da, wo andere Sagen aufhören. In Troja. Die Ausgrabungen gehören zur griechischen Geschichte, wie auch Ilias und Odyssee zur geschickten Vorbereitung für einen ent-sprechenden Urlaub gehören… wenn man nicht nur auf All-inklusive und Baden aus ist. Doch auch dann entkommt man meist der Geschichte der Griechen und der dort ehemals ansässigen Völker nie ganz.

Cottrell schafft es mit seinem Erzählstil, der ein wenig an das archäologische Standardwerk ‚Gräber, Götter und Gelehrte’ erinnert, gleich von der ersten Seite an zu faszinieren. Der Bogen, den er den Faden der Ariadne nennt und nicht allein aufnehmen will, weil es eben nicht nur um den Minotaurus und das Labyrinth unter dem alten Palast in Knossos geht, spannt sich über verschiedene Ausgrabungen, ehe es nach Kreta geht, wo auch der Übermeister der Archäologie, Heinrich Schliemann, einmal wirken sollte, es ihm jedoch versagt wurde, weil er vielleicht eine Spur zu arrogant an die Verantwortlichen herangeht.

Heute gehört die Ausgrabung des alten Palasts von Knossos zu einer der, ähnlich wie die Akropolis in Athen, meist besuchten Stätten Griechenlands. Die Griechen sind stolz auf diesen Ort und er fand Einzug in verschiedene Medien, nicht zuletzt auch in eines der ersten Indiana-Jones-Computerspiele aus alten VGA-Zeiten.

Dabei war Evans, der schließlich die Ausgrabungen vorantrieb, nicht unbedingt unumstritten. Allerorts hört man heute noch den nachhallenden Aufschrei der Fachwelt, spricht man von seinen Betonnachbauten, die langsam zu bröckeln beginnen. Doch trotzdem ist das, was man als Tourist bewundern und hin und wieder als Archäologe weiter untersuchen darf, faszinierend genug, um Evans zu verzeihen.

Cottrell wiederum stellt recht nüchtern dar, wie die Ausgrabungen vonstattengehen. Er wagt keine wirklichen Wertungen, lässt lieber Berichte und Gespräche einfließen, stellt Bilder zur Verfügung, die von der Schönheit der Landschaft, aber auch der gefundenen Bauten künden.
Er untersucht Schliemanns Träume und seinen Erfolg, ganz im Gegensatz zur Meinung seiner Fachkollegen nicht nur eine frühe griechische Kultur anzunehmen, sondern dies, wenn auch mehr mit Evans Hilfe, gar beweisen zu können. Denn all dies, was man heute auf Kreta be-wundern kann, ging beim letzten großen Vulkanausbruch auf der Insel Santorin in Fluten, Ascheregen und Lavaströmen unter. Manche der damaligen Spuren entdeckt man heute noch… wenn man sich auf Cottrells Spuren begibt.

Wie verschlug es Cottrell nach Kreta? Er war, und das bemerkt man auch an seinem Schreibstil, der packend und doch informativ, bildreich und nicht überladen wirkt, Kriegskorrespondent der BBC im Mittelmeerraum. Er begleitete die britische Luftwaffe und flog dabei rund eine Viertel Millionen Meilen für Materialien seiner Sendungen.

Trotz dieser langen Zeit schlug sein Herz stets für die Archäologie. Er gestaltete, produzierte und schrieb Sendungen und Bücher über das antike Ägypten und eben auch den faden der Ariadne, ohne den sich wohl selbst ein großer griechischer Held im Labyrinth unter dem Palast von Knossos hoffnungslos verlaufen hätte.

Ein Buch, das begeistert? Natürlich. Ganz entgegen der allgemein üblichen Meinung, dass Archäologie langweilig sein muss und deren Beschreibung eines Nichtdabeigewesenen noch schlimmer wird, kommt keinerlei Langeweile auf beim Lesen.
Ein Buch, das nicht loslässt? Obwohl einige Fakten sicher jedem bekannt sind, man sicher nicht wirklich an den Minotaurus glaubt und vielleicht schon in Knossos war, also vieles hörte oder sah, bleibt beim Leser der Wunsch, alles bis zum Schluss zu lesen. Abenteuer Archäologie?
Ein Buch, das neugierig auf eine Fortsetzung macht? Sicher gibt es andere Stoffe, die man in ähnlicher Art einer breiten Öffentlichkeit zugänglich machen sollte. Cottrell sollte man lesen.
Ein Buch zum Weiterempfehlen? Auf jeden Fall. Nicht nur für Kretareisende sehr interessant.
Einst eine große Kultur, Herrscher über weite Teile des Mittelmeerraumes, untergegangen in Schlachten oder Vulkanasche und doch nicht vergessen… Cottrell bringt Griechenland näher, als es jede Reise dahin tun könnte.

Weitere Informationen im Internet z. B. unter http://www.wikipedia.de.

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Stefan Jahnke, Dresden
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