Ebert, Sabine - Die Spur der Hebamme

Ebert, Sabine - Die Spur der Hebamme

Beitragvon Stefan Jahnke » 28. Jun 2011, 19:04

Rezension

Buchtitel: Die Spur der Hebamme, Bd. 2 der 5-teiligen Hebammen-Saga
Autor: Sabine Ebert
Genre: Historischer Roman
Verlag: Knaur Taschenbuch 2008, 9. Auflage
ISBN: 978-3-426-63695-4
Buch: 672 Seiten, PB, 12,5x19,5x3,8cm

Ein Dorf, in dem alles anders ist, als wir es uns für die Zeit des Mittelalters vorstellen. Und doch liegt dieses Dorf nicht in Gallien und die Gegner sind auch nicht die Römer, sondern Gefolgsleute des Markgrafen, die die Schmach nicht verwinden können, vom Herrn des Dorfes, selbst Ritter in Meißen, übertrumpft und ausgestochen zu werden.
Die Meißner Markgrafen, kurz auch die Wettiner von Meißen, sind heute dafür bekannt, während ihrer Regentschaft oft unspektakuläre Entscheidungen getroffen zu haben. So ist eine davon, zwei Erzfeinde gemeinsam über das Silberdorf der Mark herrschen zu lassen, den einen als dessen Burgvogt, den anderen als Herrn über Minen und Dorf.

Sabine Ebert spinnt ihre ursprünglich einmal als Geschichte für einen Band angelegte, doch nun sehr vielschichtig und weiterhin interessanter gewordene Saga um die Hebamme Marthe und ihren Weg zur Macht weiter.
Manchmal fühlt man sich versetzt in unsere Zeit. Politik war immer schmutzig, von Menschen mit all ihren Fehlern gemacht und damit über Leichen gehend, wenn dies den Akteuren als nötig erschien. Heute natürlich mehr symbolisch, damals wirklich mit Blut und Toten.

Eberts Erzählstil ist kurzweilig. Man erfährt viel Zusätzliches über die Mark Meißen, ihre Herrscher und deren Vorgesetzten, den Kaiser. Ebenso wird der Leser entführt in Gegenden, die er heute besuchen kann und die sich schon von alters her großer touristischer Beliebtheit erfreuten. Wartburg, Freiberg, Goslar, um nur einige zu nennen.

Die Sucht nach Silber spornt viele an. Nicht nur die Herren, die den Boden besitzen und für entsprechende Abgaben verpachten, sondern auch Diebsgesindel, das hofft, sich gar mit hochrangigen und edlen Verbündeten einen Teil des Schatzes von Freiberg unter den Nagel reißen zu können. Doch die ‚Guten’ wissen sich zu wehren.
Mut gehört dazu für eine Edelfreie, wenn sie sich mit den Lehren der Hildegard von Bingen zu beschäftigt und zusätzlich ihre von Geburt an vorhandenen inneren Kräfte für Heilung und Hilfe nutzt, obwohl ihr bereits die Kirche auf den Fersen zu sein scheint.

Scharf gezeichnete Personen, interessante Landschaftsbeschreibungen und das lebensnah übertragene Bild der damaligen Dörfer, Städte und Burgen machen diesen Roman auch in der Fortsetzung nicht nur lesenswert, sondern man giert nach einer Fortsetzung. Denn so vieles im Leben der Marthe bleibt offen. Leid zu ertragen, stets darum zu bangen, dass der geliebte Mann vielleicht nicht von der nächsten Schlacht heil nach Hause kommt…
Die Hebamme findet ihren Platz, erkennt dabei, was ihr mit dem neuen Titel für Möglichkeiten, aber auch für Bürden auferlegt werden. Man muss sie ernst nehmen, darf sie nicht ignorieren oder unterwerfen, wird ihr aber auch unweigerlich verfallen… ihrem Charme, ihrem Mut und ihrem ganzen Wesen.

Stellen wir uns heute vor, wir müssten als normale Erdenbürger morgen schon mit den Staatschefs aller Industrienationen an einem Tisch sitzen, mit ihnen nicht nur über das Wetter, sondern über die hohe Politik reden, vielleicht gar Tipps geben. Auch wenn es in unserer Gesellschaft heute üblich ist, cool auf alles zuzugehen und natürlich so zu tun, als wäre dies alles nichts, geben wir ganz für uns selbst zu, dass wir schon ein wenig Bammel hätten.
Marthe soll sich nicht in die Politik mischen. Das steht ihr als Frau nicht zu. Doch als Waise, aufgewachsen bei einer Heilerin, mir nichts dir nichts im Gefolge des Markgrafen zu reisen, bei einem Ritter zu leben und den Kaiser zu treffen, ist eine Erfahrung, die nur Wenigen ihrer Zeit beschieden war. Sie meistert dies glaubhaft dank Eberts Erzählstil und Hintergrundwissen.

Fast zu schade eigentlich, dass die Ausgabe dieses Bandes wegen des später neuen Einbandstiles nun auf einem Wühltisch für ein paar Cent zu bekommen war. Natürlich sind die alten, nun ausgetauschten Covers für diese Geschichte nicht tragbar. Weder die junge Frau passt in jene Zeit, in der Marthe im 12. Jh. lebt, noch spielt die Geschichte in Leipzig, dessen altes Rathaus in einer noch älteren Darstellung die Urfassung des Einbandes ziert. Das aktuelle Cover jedoch, im Buchhandel und auch auf der Homepage der Autorin zu entdecken, vermittelt die Entwicklung der jungen Frau von Band 1 bis hierher. Ein Glück! Wenn es fünf Bände geben soll, sind wir nun noch nicht einmal in der Mitte der Geschichte um die Hebamme angelangt.

Ein Buch, das nicht loslässt? Spannend. Ich nutzte jede freie Minute zum Lesen.
Ein Buch, das neugierig auf eine Fortsetzung macht? Natürlich.
Ein Buch, das man auch lesen kann, ohne Band eins zu kennen? Mit Einschränkungen ja! Denn die Ebert führt im Text geschickt zurück zu bisherigen Ereignissen, ohne dies zu überspannen.
Ein Buch zum Weiterempfehlen? Auf jeden Fall.

Kommen Sie mit… auf die Spur der Hebamme.

Weitere Informationen im Internet unter http://www.sabine-ebert.de und http://www.kraur.de

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Stefan Jahnke, Dresden
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