Eco, Umberto - Der Friedhof in Prag

Eco, Umberto - Der Friedhof in Prag

Beitragvon Stefan Jahnke » 25. Jun 2012, 20:42

Rezension

Buchtitel: Der Friedhof in Prag
Autor: Umberto Eco
Genre: Historischer Roman
Verlag: Hanser, 7. Auflage 2011
ISBN: 978-3-446-23736-0
Buch: 528 Seiten, HC, 21,6 x 15 x 4 cm

Der Name des Autors lässt einen schwer lesbaren, aber spannenden Stoff vermuten. Eco enttäuscht nicht, stellt den Leser jedoch auch dieses Mal wieder vor fast ungeahnte Schwierigkeiten.
Schon auf den ersten Seiten dieses meisterhaft gebundenen Hanser-Romans wird klar, dass es sich um eine recht geteilte Persönlichkeit handeln muss, die sich während des gesamten Buchverlaufes die Bälle zuspielt.

Eco ist bekannt dafür, Geschichte sehr genau zu recherchieren und danach eine ganz eigene Story drum herum zu schreiben. Wir erinnern uns an den ‚Namen der Rose’, in dem viele bekannte Persönlichkeiten der damaligen Zeit auftauchten. Auch dieses Mal werden von Napoleon über Garibaldi bis hin zu Dreyfus alle wichtigen Namen bemüht, spielen die Personen gar direkt unter den Augen oder nach den Spielregen des Haupthelden, eines Monsieur Simonini, seines Zeichens nach eigentlich ein Notar, doch im wirklichen Leben ein Fälscher, der auf Zuruf gern jedes Testament ändert oder gleich in der Schreibart des Verstorbenen gänzlich neu gestaltet.

Nein, das ist nichts Besonderes. Es sei denn, die Politik, egal welcher Länder, wird auf diesen Mann aufmerksam und zieht ihn nicht aus dem Verkehr, sondern zahlt ihm fortan Unsummen für bestimmte falsche Wahrheiten, die er sich entweder als angeblicher Spion in den Reihen der Freiheitskämpfer um Garibaldi aus den Fingern saugt oder irgendwie nach aktuellen Trends verändert. Schlimmer noch. Er wird durch die Zahlungen und die Aufmerksamkeit, die er im Verlauf des Romans genießen darf, dazu befähigt, seinen ganz eigenen Krieg zu beginnen.
Doch bis dahin ist es noch ein langer Weg.

Erst einmal weiß jener Simonini nicht, wer er ist, was er denn bisher tat und warum neben seiner Wohnung noch eine ist, deren Zwischentür er öffnen kann, darin aber außer sich selbst niemanden antrifft. Dann versucht er, mit einem Tagebuch, die Erinnerungen zurück zu erhalten.

Eco schreibt wie immer schwer. Gedankensprünge, der Versuch, nicht nur die alte Sprache, sondern auch genügend Verwirrung nicht nur in der Geschichte zu beschreiben, sondern beim Leser zu erzeugen, sorgen für ein Durcheinander, das mich einige Male überlegen ließ, den Rest zu unterschlagen und das Buch fortzulegen. Nein, es kam nicht dazu. Zu gefesselt war ich von der Geschichte. Lag es daran, dass ich ein Deutscher bin und ich wissen wollte, wie es sich Eco wagen darf, in dieser eben gerade in meiner Heimat stets ängstlichen Stimmung rund um Semiten und deren Gegner, solche Anfeindungen gerade gegen Juden aufschreiben und verlegen darf. Ich muss sagen, irgendwann in der Mitte des Romans war es genug. Ich übersprang die zu argen Passagen einfach.

Der Eindruck vom Buch ist ein gespaltener.

Der Schutzumschlag in transparentem Papier kann meiner Meinung nach nichts vom Inhalt herüberbringen. Das darunter zum Vorschein kommende Hardcover ist in Schwarz und Weiß so stark gemustert, dass die darauf befindliche Schrift selbst beim genauen Hinsehen kaum zu erkennen bleibt. Die Bindung selbst ist gut gearbeitet und der Buchsatz sowie die Textgestaltung mit den unterschiedlichen Schriftstärken für Erzähler und die handelnden gespaltenen Charaktere, die sich zum Schluss und zu Beginn als ein einziger zeigen, was jedoch den Lesespaß genauso wenig beeinträchtigt, wie meine gerade getätigte Enthüllung für den noch unwissenden Leser, lassen ahnen, dass man Großes vorhatte. Der kleine Verlag Hanser ist ja bekannt für seine guten buchbinderischen Arbeiten.

Eco werde ich sicher wieder lesen. Schon weil ich wissen will, ob er stets verworren schreibt und doch eine gewisse Klarheit im Kopf des Lesers zurücklässt, nachdem der sich traute, genauer über das erst einmal angerichtete Durcheinander nachzudenken.

Ein Buch, das begeistert? Es fällt schwer, diese Frage zu beantworten, denn es gibt für mich viel Für und Wider, aber zum Schluss viel positives Erlebtes.
Ein Buch, das nicht loslässt? Die Spannung bleibt bestehen, auch wenn die Verwirrung manchmal nicht wirklich zu ertragen ist.
Ein Buch, das neugierig auf eine Fortsetzung macht? Nein. Da alles abgeschlossen scheint, sollte Eco lieber etwas gänzlich Neues schreiben.
Ein Buch zum Weiterempfehlen? Nur dann, wenn sich der Empfehlende sicher ist, dass sein Gegenüber Historisches mag und Kraft gepaart mit Durchhaltevermögen besitzt.

Auch wenn Simonini nie auf dem Friedhof in Prag war, ihn nur beschreibt und benutzt, so sollten Sie es versuchen. Herausforderungen gehören zum Leben dazu. Also auch Eco.

Weitere Informationen im Internet unter http://www.hanser-literaturverlage.de.

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Stefan Jahnke, Dresden
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