Jahnke, Stefan: Hellassurvival. Bus Dresden-Belgrad-Athen

Jahnke, Stefan: Hellassurvival. Bus Dresden-Belgrad-Athen

Beitragvon Lutz Rocktäschel » 29. Apr 2011, 15:25

Buchtitel: Hellassurvival. Bus Dresden-Belgrad-Athen
Autor: Stefan Jahnke
Genre: Reisebericht
Verlag: Books on Demand GmbH, Norderstedt
Ort/Auflage/Jahr: Norderstedt, 1. Auflage, 2009
Buch: 300 Seiten, Paperback, 19 x 12 cm
ISBN-13: 978-3-8370-3648-0

Freier Osten auf Reisen
(Rezension von Lutz Rocktäschel)

Reiseberichte haben etwas ganz Eigenes. Sie erzählen nicht nur von den besuchten Orten, den Kulturlandschaften und Sehenswürdigkeiten. Uns faszinieren die Reisebeschreibungen vergangener Zeiten mitunter wegen der Mühsal der Wege, die wir heute im Zeitalter der Flugzeuge, Traumschiffe und Busreisen eher romantisch verklären. Aber auch mit unseren modernen Reisemitteln kann uns einiges passieren, wie Stefan Jahnke zu berichten weiß.

Die Mauer fällt, und das ostdeutsche Volk erobert die neuen touristischen Freiräume. Da bleiben Dramatik und Situationskomik nicht aus. Zumal, wenn die Busreise 1992 nach Athen über Belgrad, durch das vom Krieg geschüttelte und in Auflösung befindliche Jugoslawien führt. Das Donnergrollen der Geschütze konterkariert ein lockerer Schreibstil, der uns an Jahnkes ungetrübter Urlaubs- und Entdeckerfreude teilnehmen lässt. Besser hätte man den Kontrast der modernen Welt zwischen Urlaub und Krieg kaum darstellen können.

Da schauen die Ostdeutschen bei einer Passkontrolle in den bekannten Lauf einer Kalaschnikow und erleben wieder vermeintlich abgeschüttelte Zeiten.
Oder die Episode vom Wischmopp, die von einer Klofrau erzählt, die mehr oder weniger berechtigt einen Obolus erwartet, und diesen auch rabiat einfordert. Ein Vorgang, der überall, wo Massentourismus herrscht, ein Thema sein kann. Die Businsassen steigen vor einer Toilette in einer erbärmlichen Gegend aus und verwehren den Lohn eines unverhofften Toiletten-Benutzungs-Booms. Sie verhalten sich wie im rechtlichen Niemandsland und werden zur Strafe abwechselnd von der Polizei und dem mäßigen schlechten Gewissen verfolgt.

Doch sie sind trotz allem heil in Griechenland angekommen. Und weil man im fremden Land einfach alles falsch machen kann, hat sich die Reisegruppe mit ihrer griechischen Fremdenführerin wegen eines Kieselsteins fast überworfen. Diese oft mit einem Augenzwinkern erzählten Geschichten sind eingebettet in die wunderschöne griechische Landschaft und antike Architektur, vom Tempelberg Athens, über Delphi und seinem Orakel, den Felsenklöstern von Meteora, bis zum Abstecher nach Thessaloniki. Schade, möchte man meinen, dass die Fotos nur in Schwarz-Weiß zu betrachten sind. Aber vielleicht macht auch das in diesem Buch einen Sinn.

Mit dem Bericht über die Rückreise durch Jugoslawien, nach dem herrlichen Griechenlandaufenthalt, verlässt den Erzähler nun doch der Humor. Ein Flüchtlingstreck holt die Touristen in die Kriegswirklichkeit zurück. Als schließlich ein Mitreisender von der Polizei aus dem Bus geholt wird, weil er etwas dunkelhäutiger als alle anderen aussieht, mit ostdeutschen Pass vielleicht doch ein Kroate sein könnte, ist den Urlaubern klar, dass es um Leben oder Tod geht.

Der Reisebericht ist erst 2009, siebzehn Jahre nach der Reise, beendet worden, wodurch einige Einlassungen und der Epilog ihre berechtigte Stellung erhalten. Er ist ein historisches Zeugnis der Nachwendezeit, die inzwischen soweit weg ist, dass sie selbst schon wieder erklärungsbedürftig wird. Stefan Jahnke, Jahrgang 1967, verheiratet und zwei Kinder, aufgewachsen in Dresden, mit erfolgreich abgeschlossenem Maschinenbaustudium und bewegter Biographie, ist mit diesem Buch ein interessanter und spannender Rückblick gelungen.


© Lutz Rocktäschel
(Berlin, 11.04.2010)
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