Jürgens, Antje - Etanas Söhne Teil 1, Band 1

Jürgens, Antje - Etanas Söhne Teil 1, Band 1

Beitragvon Stefan Jahnke » 29. Apr 2011, 22:28

Rezension

Buchtitel: Etanas Söhne Teil 1 - León, Alejandro & Nathan - Band 1 - Tödliche Bedrohung
Autor: Antje Jürgens
Genre: Vampir-Roman
Verlag: tredition GmbH 2008
ISBN: 978-3-86850-509-2


Vampire. Gerade in aller Munde, und das nicht erst seit der niemandem verborgenen Serie einer bekannten Schriftstellerin, die nunmehr auch in den Kinos mehr als nur zuhause ist.
Die Skepsis, weitere Werke zum Thema von weitestgehend unbekannten SchriftstellerInnen zu lesen, ist natürlich groß, jedoch im Falle von Jürgens Roman völlig unbegründet. Denn sie baut eine ganz eigene Welt, eine Umgebung auf, die doch eigentlich irgendwo in unserer heutigen Zeit liegt, jedoch eine Rasse mit allen Problemen der Minderheiten zeichnet, die ebenso Sorben, El-sässer oder Dänen in Deutschland sein könnten.
Natürlich sind Jürgens Etanaer völlig anders, leben zum großen Teil seit Jahrhunderten auf dieser Erde und haben eigentlich genau dieselben Probleme, wie wir als Normalsterbliche auch. Nur, und das ist bezeichnend für Jürgens Welt, bei ihnen sind sie langlebiger.
Jürgens Gestalten und Personen, Umgebungen und Bräuche sind scharf gezeichnet, jedoch auch wohltuend normal und nicht übertrieben beschrieben. Die Autorin versucht in ihrem Debüt-roman, das Klischee des Genres zu verdammen, reale Hintergründe einzubeziehen und damit den Leser mitten in diese doch so nahe, aber eben auch ferne Welt zu entführen.
Wie findet ein Vampir eine passende Frau, die nicht nur, wie allgemein angenommen, durch ei-nen Biss an ihn gebunden wird, sondern auch zu ihm steht? Kann solch ein Langzahn überhaupt normal fühlen und sich familiär binden, Kinder zeugen und für diese da sein, nur allein, unter seinesgleichen oder auch in Gemeinschaften mit ‚Nichtvampiren’ leben?
Jürgens findet ganz erstaunliche Antworten und Erklärungen, dabei auch eine Art Gegenspieler, eine Frau, die seit Jahrhunderten die endliche Gabe ihrer Unsterblichkeit, die sie in einem schwa-chen Moment von solch einem Etanaer erhielt, bewusst ausnutzt und nun ihrerseits für ihr weite-res Überleben Mitglieder dieser Rasse mit mehr oder weniger Erfolg jagt. Dabei wird sie zu-nehmend zur wachsenden Gefahr der Hauptpersonen und ein mit großem Aufwand und für ein Überleben der Rasse gemeinsam von Menschen und Etanaern zu bekämpfendes Problem.
Leon, einer der vergleichsweise jungen Etanaer, kämpft seit Jahrhunderten mit einer verlorenen und vor allem damals auch sehr unglücklichen Liebe. Dabei zerfleischt er sich gar regelrecht selbst, achtet weder sein Leben noch seine Umgebung, bis er schließlich genau bei diesem Tun jene Frau gefunden zu haben scheint, die nicht nur durch ihre eigenen Besonderheiten, die Etana einst wenigen Menschen gab, zu ihm passt, sondern nach einer Weile auch noch das nötige Ver-ständnis für ihn und die Gegebenheiten seiner Art, seines Lebens, erlangt. Doch auch dahin ist es ein weiter Weg. Und wenn man am Buchtitel noch abzulesen meint, dass auch die anderen be-nannten Vampire tiefgründig behandelt werden, so scheint dieser Band eben jenem Leon ge-widmet zu sein, vielleicht wegen der so genauen Zeichnung ein Äquivalent zu einer wirklich lebenden Person aus Jürgens Umfeld und sicher ähnlich, wie so manch anderer Verlassener unter uns.
Wie alt werden Vampire? Sterben sie überhaupt eines natürlichen Todes? Können sie an Kum-mer zu Grunde gehen? Und wenn ja, wann, warum und wie? Auch hier hat Jürgens, die einen spannenden Erzählstil aufzeigt, die passenden Erklärungen im ersten Band ihres Werkes. Und ihre Einlassung zu Beginn des Buches, dass sie eigentlich nur auf die Idee kam, diese Geschichte zu schreiben, weil sie nicht auf das Erscheinen des nächsten Bandes einer allseits bekannten Rei-he warten wollte, nötigt dem Leser gehörigen Respekt ab. Denn was da entstand, gleich ver-worren beginnt und später immer klarer erkennbar wird, das könnte man als eine neue aktuell-historisch-fiktive Abhandlung zu eben jener Rasse bezeichnen, die sich nach Anerkennung, Lie-be, Sex und Gemeinschaft sehnt, jedoch immer auf ihre Verborgenheit, die Wahrung der Ge-heimnisse achten muss, mehr noch als der normale Mensch natürliche und künstliche Feinde hat.
Schon beim ersten Blick auf das Cover, welches schlicht wirkt, aber neben vielen geheimen Zei-chen auch einen Vertreter der Etanaer zeigt, wird das Neuartige in diesem uns doch eigentlich bekannt erscheinenden Genre klar.
Wer sich bisher den Vampirstoffen verschloss oder nur die bekannten Kultfilme aus früheren Jahren kennt, sollte sich in Jürgens Buch Mut und Lust für den unbedingten Genuss weiterer Literatur über eine Rasse irgendwo zwischen Mensch und Tier, Wahrheit und Fiktion holen.
Dem, der den gerade aktuell so beliebten Stoffen huldigt, sei eine Warnung gesagt… Hier exisiert eine andere Welt. Eine, in der nicht nur die Guten und Bösen gegeneinander kämpfen, eine Zu-ordnung nach Monstern und Heiligen geschieht, sondern das normale Leben mit ein wenig Mär-chen und Fabel vermischt, und damit angenehm lesbar niedergeschrieben wurde.
Genialer Beginn einer neuen Reihe rund um die Wesen, denen Knoblauch doch eigentlich scha-den sollte, die aber selbst im Sonnenlicht existieren können.
Ein Buch zum puren Entspannen? Nein, denn die Spannung steigt von Seite zu Seite.
Ein Buch zum Empfehlen? Natürlich. Man sollte es kennen, um sich ein weiteres, ganz anderes und liebevoll gezeichnetes Bild über die Vampire und den aktuellen Hype machen zu können.


Weitere Informationen unter www.romane.antjejuergens.de.

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Re: Jürgens, Antje - Etanas Söhne Teil 1, Band 1

Beitragvon Lutz Rocktäschel » 25. Jun 2011, 09:20

Rezension von Lutz Rocktäschel

Antje Jürgens: Etanas Söhne, Teil 1 León, Alejandro & Nathan,
Band 1, Tödliche Bedrohung
Verlag: tredition GmbH, 2008, 289 S., 16,99 €
ISBN: 978-3-86850-509-2,

Nun hat es mich auch gebissen, obwohl ich bislang nur mit Kopfschütteln
den Vampir-Boom auf dem Buchmarkt der letzten Jahre zur Kenntnis
nahm. Aus Ignoranz aß ich keinen Knoblauch, als ich das Buch las; und da
war es passiert. Der Vampirroman von Antje Jürgens ist ein Tipp für
Erwachsene und solche, die es werden wollen. Nichts für Schwärmer und
Kleingeister. Es geht um nicht weniger, als um die energetische
Explosivkraft unserer Emotionen, wenn sie erst einmal erwacht sind. Wir
werden von Mutter Natur und der Autorin kräftig geschüttelt, unsere
biologische Aufgabe nicht zu vergessen, die Mann und Frau mit- und
manchmal gegeneinander auszumachen haben.
Unter uns existiert eine Vampir-Spezies, die vor 6000 Jahren in
Mesopotamien ihre Blütezeit hatte. Nach dem Untergang ihres Reiches
lebten die Etanaer erst als gejagte und dann fast vergessene Subkultur. Ihr
Entstehungsmythos berichtet von einer großen Liebe zwischen Etana und
seiner Frau Et-Ninlil. Aus ihrer Beziehung, wie jeder Beziehung mit
Etanaern, gehen nur Söhne hervor, die nun auf der Suche nach, zu ihnen
passenden, Frauen sind. Männer und Frauen benötigen voneinander ab und
zu Blut, um ernährt zu sein, Gesund zu bleiben oder zu werden und lange
zu leben. Jenseits des Lichtes entwickeln die Etanaer große magische Kräfte,
wie die Fähigkeit zur Dematerialisation.
Den Etanaern steht eine neue tödliche Bedrohung gegenüber. Von ihr
handelt das erste Buch dieser groß angelegten Vampir-Saga. León, Alejandro
und Nathan haben das seltene Glück, Eme-biuri, die für Etanaer besonders
geeigneten Frauen, zu finden. Doch die erotische Ausstrahlung der Etanaer
und ihre animalischen Triebe können ihnen zum Verhängnis werden. In
einem Club in Boston treibt eine Frau ihr monströses Unwesen und benutzt
ihre Gespielin, um an das Blut der Etanaer zu gelangen.
Neben diesem großen Spannungsbogen, der schon auf das nächste Buch
abzielt, erfuhr ich in den einzelnen Episoden, wie schwierig die drei
Protagonisten es haben, ihren auserwählten Frauen als liebenswerte
Lebenspartner gegenüberzutreten. Das andere Geschlecht übt auf sie eine
geradezu brutale Anziehungskraft aus, besonders, wenn die Eme-biuri die
Tage ihrer Paarungsbereitschaft mit betörenden Düften signalisieren. Der
Leser wird mit den Etanaern in einen Strudel aus ultimativem Begehren und
Blutdurst gezogen, dass einem manchmal die Zähne wachsen könnten.
Die einzelnen Beziehungsgeschichten zwischen León und Alisha, Nathan
und Jasmin, Alejandro und Carmen brachten mich als Leser irgendwann auf
die Idee, „Blut“ mit „Liebe“ zu übersetzen; einer animalischen, verzehrenden,
bis an die Grenzen der Existenz gehenden Leidenschaft. Sie ist der
Gegenentwurf zur platonischen, geistigen Liebe, wie sie eher bei den
mittelalterlichen Minnesängern oder im religiösen Verständnis anzutreffen
ist. Sie ist aber auch eine Antwort auf unsere Zivilisation. Am Rande oder in
den Tiefen, jedenfalls im Verborgenen der sachlich durchregulierten
Gesellschaft existieren die Etanaer und suchen sich ihren animalischen Weg
der ultimativen Liebe, getrieben durch Blut und Lust, Raserei und
Leidenschaft, um einfach nur zu Leben, wie alle anderen Menschen auch.
Was mich fasziniert: Antje Jürgens hat es geschafft, eine Parallelwelt zu
zeichnen, in der die Vampirfrage, wie auch die Geschlechterfrage neu gestellt
werden. Sie dekonstruiert in den Episoden die Klischees über Mann und
Frau, bricht sie auf, dreht sie herum oder bestätigt sie an manchen Stellen
einfach nur. Das macht den Reiz des Buches vielleicht auch für diejenigen
aus, die mit Vampiren immer noch nichts zu tun haben wollen. Mit dem
Genre des Vampirromans entsteht eine neue Reflektionsfläche für
untergründige Beziehungsfragen. Die Autorin hat mit dem, wenn auch
liebenswert gemeinten, Vorurteil aufgeräumt, es ginge nur um Untote.

Lutz Rocktäschel
Berlin, 29.11.2010
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