Kazantzakis, Nikos - Die letzte Versuchung

Kazantzakis, Nikos - Die letzte Versuchung

Beitragvon Stefan Jahnke » 2. Sep 2012, 17:09

Rezension

Buchtitel: Die letzte Versuchung
Autor: Nikos Kazantzakis
Genre: Roman
Verlag: Efstathiadis Group S.A. 1995, später Ullstein
ISBN: 978-3-5482-2199-1
Buch: 512 Seiten, PB, 18,3 x 11,7 x 3 cm


Mit dem Glauben ist es so eine Sache. Man kann ihn haben, ihn begehren, ihn verfluchen oder abstreiten, gar ganz verleugnen oder nie haben. Das ist den Menschen in unserer heutigen Zeit zumindest in den sogenannten zivilisierten Teilen der Welt freigestellt. An anderem Ort kann auch nur der kleinste Hauch eines Zweifels über Leben und Tod entscheiden. So, wie in Zeiten der Inquisition. Manche Christen des Mittelalters hörten mit erstaunen von den alten Griechen oder den Römern, die ihren Glauben jeweils an die eroberten Gebiete oder die eben geltenden Gegebenheiten anzupassen wussten, natürlich auch für sie besonders gefährlich erscheinende Strömungen verfolgten, Christen niedermetzelten, doch schließlich gar aus Recht fadenscheinigen gründen das Christentum zur Staatsreligion erhoben.

Kazantzakis wagt in seiner Zeit einen sehr mutigen Schritt.

Auf welche Schriften aus den Jahren 0 bis 40 stützt sich die Kirche heute, wenn sie vom Leidensweg Christi berichtet? Sollte es originale Aufzeichnungen jener Zeit geben, so sind diese entweder verschollen oder unter Verschluss im Vatikan bzw. bei einer ihm nahestehenden Organisation. Niemand kann es mit Sicherheit sagen.

Jesus war ein Mensch. Er kümmerte sich nach Ansicht des Autors wenig um all das, was man ihm heute nachsagt. Eher zimmerte er Kreuze, an denen seine Glaubensbrüder während der ersten Verfolgungswelle verrecken mussten, wollte heiraten, bat gar selbst am Kreuz noch um die Hochzeit, statt sich um seine göttlichen Pflichten zu kümmern. Seine Jünger waren nicht viel besser. Sie rauften und soffen, hurten und taten alles, was man heute einem Christenmenschen mit Hinweis auf eben jene Zeit damals verbietet.

Mit dieser Meinung steht Kazantzakis nicht allein. Ich selbst bin seit Jahren mit der Recherche nach dem Verbleib des wirklich ‚wahren Kreuzes’ und einiger Schriften aus den Lebensjahren Jesus von Nazareth beschäftigt und erkenne immer wieder, wie verlogen und falsch die heute bekannte Darstellung der Bibel sein muss, wenn meine Quellen denn wirklich glaubhaft sein sollten. Ein Novum, all dies infrage zu stellen, ein Frevel, es aufzuschreiben, eine mutige Tat, dabei Volksschriftsteller Kretas zu sein, unvorstellbar, dass dieses Buch heute noch ein Bestseller ist und bleibt. Interessant bleiben die Absatzzahlen dieses Buches seit der Erstausgabe im Vergleich zwischen Orient und Okzident, wobei die Menschen jenseits des Bosporus scheinbar interessierter oder mutiger im Umgang mit all dem zu sein scheinen. Kein Wunder. Dort glauben nicht viele an die Märchen um Jerusalem, Jesus und seine Jünger.

Die Kazantzakis-Reihe der Efstathiadis Group ist recht einfallslos gestaltet. Natürlich beschränkt man sich damit sicher eher auf den Inhalt der Werke, als auf ihr Aussehen, hätte jedoch mit einfallsreicher gestalteten Covers wohl noch mehr Interesse und Aufmerksamkeit erreicht, bleibt nun hinter anderen Büchern rund um die oder aus der Ägäis zurück. Schade.

Für den Rezensenten ist und bleibt die Kernaussage dieses Werkes, dass der Mensch immer fehlbar ist, dass es auch mit göttlicher Hilfe niemals einen fehlerfreien Typ geben wird und dass wir endlich damit aufhören sollten, an Dinge zu glauben, die uns angreifbar machen, weil man andernorts darüber lacht. Höhere Wesen werden nicht von unsereinem geboren und leben dann mit Wundern links und rechts ihres Weges. Sie erscheinen, wenn es sie denn überhaupt gibt. Darin liegt der große Fehler des Buches der Bücher unserer Kirche und das wird sie eines Tages ad absurdum führen. Die sinkenden Mitgliedszahlen deuten es heute schon an. Glaube kommt von innen heraus, nicht durch Institutionen. Idole entstehen und verschwinden. Krampfhaftes Festhalten zerstört alles Gute im Glauben. Zum Schluss bleibt nur der Preis… ob für den Sarg, das Seelenheil oder das Medikament zum (Über-)Leben.

Schade. Und gut, dass ein so wichtiger Schriftsteller, wie Nikos Kazantzakis dies ebenso sah, es aufschrieb und vertrat. Scham dafür brächte auch nichts. Denn sein vorliegendes Werk ist glaubwürdiger, als das Neue Testament.

Ein Buch, das begeistert? Zuerst geht es ähnlich zu, wie in der Bibel… aber dann!
Ein Buch, das nicht loslässt? Natürlich nicht, denn es beschreibt Dinge, die wir alle tief im Innersten ahnen, uns jedoch nicht trauen, offen auszusprechen. Kazantzakis tut es für uns.
Ein Buch, das neugierig auf eine Fortsetzung macht? Der Stoff ist gut abgearbeitet. Weitere Werke des Schriftstellers beschäftigen sich mit anderen Dingen. Das ist gut so.
Ein Buch zum Weiterempfehlen? Auf jeden Fall. Das Buch wühlt auf und setzt neue Ziele… die Wahrheit zu finden und offene Fragen zu beantworten. Schon darum: Unbedingt lesen!
Nein, dieses Buch hat nichts mit Kreta allein zu tun. Aber es geht uns alle an, die wir glauben… an was auch immer. Nach der Lektüre wird es uns besser gehen.

Weitere Informationen im Internet unter http://www.historical-museum.gr/kazantzakis/index1.html.

© + ® der Rezension:
Stefan Jahnke, Dresden
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