Kazantzakis, Nikos - Freiheit oder Tod

Kazantzakis, Nikos - Freiheit oder Tod

Beitragvon Stefan Jahnke » 2. Sep 2012, 16:58

Rezension

Buchtitel: Freiheit oder Tod
Autor: Nikos Kazantzakis
Genre: Roman
Verlag: Efstathiadis Group S.A. 1995, später Rowohlt
ISBN: 978-3-4991-1861-6
Buch: 432 Seiten, PB, 18,8 x 11,4 x 2,4 cm


Waren Sie schon einmal auf Kreta? Zumindest auf den größten Teil der Deutschen sollte dies nach den Statistiken der Reiseveranstalter zutreffen. Und sicher haben dann 70…80% der Reisenden auch eine Inselrundfahrt mitgemacht, sich über die Geschichte, die Antike und natürlich auch die Rebellionen gegen die Türken und andere Unterdrücker, die alten Griechen, die neuen Missstände, viele Steine, berühmte Personen informieren lassen.

Nun kann man fragen: Und wo liegt Megalo Kastro? Großes Fragezeichen.

Der Rezensent kaufte das hier zu rezensierende Buch in einem kleinen Buchladen an der Hafenmole in Agia Nikolaos, ehe es zum Fischessen an den Innenhafen ging. Schon die ersten Zeilen des kretischen Nationalschriftstellers Kazantzakis mussten bei klimatisierter Kühle mit herrlichem Blick auf das Hafenbecken gelesen werden.

Kapitän Michalis ist eine der Hauptpersonen im Buch. Er will die Osmanen aus dem Land haben und beobachtet jeden Moment, der ihm in seinem viel beschäftigten Leben bleibt, was sie tun und wie man ihrer Herr werden könnte. Sie haben sich Megalo Kastro als ihre Hauptstadt auserkoren und nach ein wenig Überlegung kommt der Leser sicher darauf (ja, er kann auch im Internet recherchieren). Der Ort besitzt ein großes Kastell. Und dieses steht am Hafen von… Heraklion. Selbst die Insel Dia, die der Rezensent im Urlaub bei Chersonissos immer vor Augen hatte, wird immer wieder erwähnt und so fühlt man sich gleich heimisch bei der Lektüre.

Kazantzakis, der Autor des berühmten ‚Alexis Sorbas’, hat viele Bücher geschrieben, die meist auf Kreta, aber auch auf dem griechischen oder gar türkischen Festland spielen. Kein Wunder. Er wuchs noch mitten in der Besatzerzeit auf und musste sich lange Jahre mit den Osmanen arrangieren, ehe sie schließlich doch abzogen und Kreta zu Athen gehen konnte, das die Insel erst gar nicht haben wollte.

Einzigartig sind daher die Berichte, die kleinen Episoden nicht nur aus dem Widerstand, sondern aus eben dem ganz normalen osmanisch-griechischen Alltag. Damals bekam man noch nicht in jeder Taverne Ouzo, sondern eher Raki, schön heiß, nicht kühl und mit Eiswürfeln. Die hätte man auf Kreta nicht einmal im Winter hinbekommen… bis der erste Kühlschrank mit Eisfach dort eintraf. Und doch kann man immer noch eben jene kleinen Geschichten nachvollziehen, schaut man einmal neben dem Touristenpfad in die Gassen und in die Fenster der Griechen, entdeckt nicht nur die Postkartenlandschaften, sondern das wahre Wesen des dortigen Lebens zwischen Fetadose und Knoblauchzopf.
Der Kampf selbst war blutig. Zwar nicht zu vergleichen mit Revolutionen unserer Tage in Nordafrika, jedoch auch nicht mit denen Ende der Achtziger in Europa. Viele gute Männer und Frauen, auch Kinder mussten sterben. Meist berichtet der Reiseleiter genau von jenen Tagen, wenn der Bus wieder und wieder an einem der zugehörigen Denkmäler vorbeifährt. Jedoch das Ziel vor Augen gewannen die Kreter schließlich, hatten die Osmanen, oder Türken, keine Chance mehr, zu bleiben. Heute überwanden sie sicher die damalige Schmach. Einige Türken sollen gar im griechischen Raum geblieben sein, sind heute ehrenwerte Griechen und anerkannt in der Ge-sellschaft. Kaum vorstellbar für Mitteleuropäer, die nach dem letzten Weltkrieg Umsiedlungen und gar Ausrottungsaktionen miterleben mussten, vor denen ihnen heute noch graut, wenn sie nur eine Uniform auf der Straße sehen.

In Griechenland ticken die Uhren langsam. Kapitän Michalis ist kein Alexis Sorbas. Auch wenn er gern einmal einen trinkt und dazu tanzt, den Frauen nicht abgeneigt ist und auch einmal einen Witz macht. Ob es ihn so, wie von Kazantzakis beschrieben, wirklich gab, ist ungewiss. Jedoch Männer mit Mut, unterstützt von Frauen, die an sie und die Freiheit glaubten, die gab es.

Etwas mehr Mut zur Covergestaltung bei der Gesamtausgabe der Kazantzakis-Werke würde man sich wünschen. Schlicht schaut der Autor vorn in die Welt. Beim Stoff in seinen Büchern vielleicht die rechte Hommage an ihn und seine Verdienste um Kreta?

Ein Buch, das begeistert? Kriegerischer Stoff kann begeistern, Kazantzakis tut es auf jeden Fall!
Ein Buch, das nicht loslässt? Die einzigartige Beschreibung von Zeit, Umständen, Personen, Handlungen lässt keine Langeweile aufkommen und fesselt den Leser.
Ein Buch, das neugierig auf eine Fortsetzung macht? Wie es auf Kreta weiterging, ist bekannt. Doch Kazantzakis Stoffe allesamt sind parallel, davor oder danach liegende spannende Stoffe.
Ein Buch zum Weiterempfehlen? Auf jeden Fall. Griechische Geschichte der Neuzeit ist viel zu unbekannt gegenüber der Antike im Schulstoff. Schon darum: Unbedingt lesen!

Kreta ist eine Reise wert. Berge, Schluchten, Strände, Städte, Dörfer, Tiere, Menschen. Kazantzakis beschreibt all dies und noch viel mehr.

Weitere Informationen im Internet unter http://www.historical-museum.gr/kazantzakis/index1.html.

© + ® der Rezension:
Stefan Jahnke, Dresden
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