Kazantzakis, Nikos - Griechische Passion

Kazantzakis, Nikos - Griechische Passion

Beitragvon Stefan Jahnke » 2. Sep 2012, 17:14

Rezension

Buchtitel: Griechische Passion
Autor: Nikos Kazantzakis
Genre: Roman
Verlag: Efstathiadis Group S.A. 1995, später Rowohlt
ISBN: 978-3-4991-4747-0
Buch: 464 Seiten, PB, 18,3 x 11,7 x 2,5 cm


Kazantzakis scheint das Thema des Jesus Christus, seiner Bedeutung im Glauben und natürlich unter wirklich lebenden Menschen, gern aufgegriffen und schließlich mehrfach, jedoch so unterschiedlich bearbeitet zu haben, dass man als Leser schon ins Zweifeln kommt, ob es sich jedes Mal um den gleichen Autor handelt. Natürlich versöhnt der lockere Schreibstil, angepasst an die jeweilige Zeit, in der das Werk entstand und gleichzeitig auch in der es spielt.

Ein Dorf unter osmanischer Herrschaft, griechisch und doch besetzt, möchte ein Passionsspiel aufführen. Doch niemand mag die wichtigsten Rollen, gerade die des Jesus zu übernehmen. Dann jedoch, als alles verteilt und geregelt scheint, gehen alle Teilnehmer in ihren Rollen auf, beginnen, miteinander so umzugehen, wie sie es auch im Passionsspiel darstellen sollen. Nächstenliebe a la Bibel? Vielleicht. Man meint einen Moment lang beim Lesen, dass diese Leute es geschafft haben, dass sie sich mit ihrer Situation der Besetzung, aber auch mit den Unter-schieden zwischen den Familien und einzelnen Menschen arrangieren können. Bis…

Ja, es gibt immer ein Bis…

Wie lange ist der Mensch wirklich selbstlos, wie es die Bibel vorschreibt? Wann beginnt auch der gläubigste Christ, nur noch an sich zu denken? Wenn es um den eigenen Besitz geht. Leider.

Kann man Jesus ein zweites Mal ans Kreuz nageln? Wenn man es in einer gläubigen Gemeinde tut, diesem Mann nur das vorwerfen kann, was doch eigentlich zu seinen Aufgaben, zu seiner Berufung zu gehören scheint, dann wäre doch der aus der Bibel bekannte Vorgänger völlig sinnlos am Kreuz gestorben? Und ist es nicht ein Frevel, um Hilfe Bittende abzuweisen, ihnen nicht nur die kalte Schulter, sondern gar blanke Waffen zu zeigen, die man gar bereit ist, gegen sie einzusetzen? Was hat dann eine Passion, ein Spiel nach den heiligen Schriften noch für einen Sinn? Kommt nicht gar der Gedanke auf, dass der osmanische Ortsvorstand eher ein Christ, ein fürsorgender Mensch ist, als die, die sich doch als getauft bezeichnen?
Ein Jammer… und doch in allen Teilen der Welt jederzeit möglich, nicht einmal zu weit hergeholt, sieht man die derzeitige Notsituation Griechenlands in der Krise der europäischen Wirtschaft. Das doch auf gegenseitige Hilfe ausgerichtete Gefüge einer angeblichen Gemeinschaft knüpft an einst großmundig versprochene Unterstützung einige Forderungen, die keine Nation ohne Murren erfüllen könnte und würde. All dies hat etwas von den großen Versicherungen, die jahrelang kassieren und nach einem einzigen Schaden schon berechtigt sind, den Vertrag zu kündigen. So, wie die Passionsspieler ihre Aufgabe, ihre Passion zu ignorieren suchen.

Die Kazantzakis-Reihe der Efstathiadis Group ist recht einfallslos gestaltet. Natürlich beschränkt man sich damit sicher eher auf den Inhalt der Werke, als auf ihr Aussehen, hätte jedoch mit einfallsreicher gestalteten Covers wohl noch mehr Interesse und Aufmerksamkeit erreicht, bleibt nun hinter anderen Büchern rund um die oder aus der Ägäis zurück. Schade.

Für den Rezensenten ist und bleibt die Kernaussage dieses Werkes, dass der Mensch immer fehlbar ist, dass es auch mit göttlicher Hilfe niemals einen fehlerfreien Typ geben wird und dass wir endlich damit aufhören sollten, an Dinge zu glauben, die uns angreifbar machen, weil man andernorts darüber lacht. Sich jedoch auf das zu besinnen, was man gepredigt bekommt oder selbst von Anderen verlangt, ist sicher nicht übertrieben, ist nachvollziehbar und weitaus menschlicher, als schon wieder einen Grund zu suchen, warum man sich aus seiner Verpflichtung herausstehlen darf.

Kazantzakis schaut den Menschen seines Volkes nicht nur aufs Maul, sondern auch in die Seele. Er findet dabei ganz Normales und doch so Unglaubhaftes, was wahrscheinlicher ist, als alle Versprechen, die wir uns wegen Etikette und Verträgen zu geben bereit sein werden.

Ein Buch, das begeistert? Es ist leichte Kost, es ist schwer zu verstehen und doch einfach zu be-greifen. Es zeigt, wie es in der menschlichen Seele aussieht und dass es hin und wieder einen Sturen gibt, der mit seinem Tun mehr Gutes tut, als alle, die nur reden.
Ein Buch, das nicht loslässt? Einmal begonnen will man wissen, wie die Figuren ihre Aufgaben zu lösen gedenken oder sich aus der Pflicht herausstehlen werden. Das allein ist spannend!
Ein Buch, das neugierig auf eine Fortsetzung macht? Nun ja, wie es in Griechenland und der Welt weiterging, wissen wir nun. Trotzdem interessieren weitere Berichte über Land und Leute.
Ein Buch zum Weiterempfehlen? Auf jeden Fall. Zu selten halten wir uns selbst den Spiegel vor und sind bei der Interpretation des Gesehenen ehrlich. Schon darum: Unbedingt lesen!

Nein, dieses Buch hat nichts mit Kreta allein zu tun. Aber es geht uns alle an, die wir glauben, stets das Richtige zu tun… Nach der Lektüre wissen wir es sicherlich besser.

Weitere Informationen im Internet unter http://www.historical-museum.gr/kazantzakis/index1.html.

© + ® der Rezension:
Stefan Jahnke, Dresden
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