Promberger, Norbert - Bömer... Ein Tierarzt-Roman

Promberger, Norbert - Bömer... Ein Tierarzt-Roman

Beitragvon Stefan Jahnke » 21. Aug 2011, 19:10

Rezension

Buchtitel: Bömer – Ein Tierarzt-Roman
Autor: Norbert Promberger
Genre: (Anti-)Kriegs-Roman
Verlag: ATE – AT-Edition Münster 2009, 2. Auflage 2010
ISBN: 978-3-89781-161-1
Buch: 304 Seiten, PB, 14,5x21x1,7cm

Das Titelbild ziert ein etwas beschnittenes Kuh-Gesicht. Lange musste ich überlegen, ob es sich bei dem mir vom Verlag überlassenen Exemplar um einen Fehldruck handelt, denn deutlich sind Ansätze, Überlappungen zu entdecken und dazu wirkt der rechte Abschnitt auf dem Cover so, als wenn man einfach vergaß, das Bild fertig zu gestalten.
Der Untertitel ‚Ein Tierarzt-Roman’ verführte mich, beim ersten Blättern nach für bestimmte Vorabendprogrammserien typischen seichten Inhalten zu suchen, doch der Klappentext des Buches versprach eher Spannung in der dunkelsten Zeit Europas, dem Dritten Reich.
Natürlich musste ich erst überlegen, was ein Tierarzt in jener Zeit erleben konnte. Anleihen auf unsere Verwandtschaft tauchten auf, worin es damals Allgemeinmediziner gab, die in Ostpreußen und natürlich auch an der Front ihren Dienst zu leisten hatten.

Das Buch beginnt anders. Ein junger Wissenschaftler verdient sich mit guten Ergebnissen die ersten Sporen. Man wird in gewissen Kreisen aufmerksam auf ihn. Das Klischee der bei Bedarf ‚guten’ Nazis wird ausreichend bedient. Die Unvoreingenommenheit oder gar das Desinteresse der Wissenschaftler Deutschlands bei drohender Kriegsgefahr überschattet unser heutiges Ver-ständnis des damaligen Versagens des Volkes gegenüber der braunen Gefahr.

Weltmännisch geht es rasant erst durch viele Höhen und Tiefen der Immunforschung, der Viro-logie und natürlich auch hinein in zwischenmenschliche Beziehungen. Dann gar wird die Frage der Judenverfolgung zwar aufgegriffen, aber doch stets oberflächlich aus Sicht zweier junger Liebender und damit Betroffener behandelt. Es geht um die Welt. Amerika, Türkei, Europa. Mal erleben wir die Handelnden mitten im Krieg, später problemlos aufseiten der Alliierten. Fast möchte man meinen, dass man ohne ein wirkliches Gewissen und mit viel Verdrängung damals ruhig an allem forschen konnte, jede Kriegstreiberei und gar mögliche Massenvernichtungs-waffen unterstützen durfte, um dann mit Kusshand in eines der nach Kriegsende verbleibenden Lager, Ost oder West, zu wechseln und so trotz eigener, aber eben verdrängter Schuld sein normales Leben weiterleben konnte.

Der Satz des Buches vermittelt dem Leser schon nach wenigen Seiten den Eindruck, dass man wohl einerseits versuchte, mehr Seiten mit wenig Text zu füllen (riesige Abstände zwischen den Zeilen, dann wieder kleinere, plötzlich fehlen gar Leerzeilen, obwohl neue Gedankengänge beginnen), andererseits die Grundlagen des Buchsatzes und den Ausdruck ‚Das Auge liest mit’ nicht kennt oder zumindest nicht anwenden und umsetzen kann. Ob die Schuld daran nun auf Verlagsseite oder beim Autor zu suchen ist, bleibt beim dürftigen Impressum des Buches offen.

Auch wenn ich es schon weiter oben ansprach, will der Autor sicher Gutes bewirken. Seine Sicht auf die Dinge ist vielleicht sogar ehrenwert, eventuell durch eigene Erlebnisse oder Erfahrungen und Erzählungen aus dem eigenen Familien- oder Bekanntenkreis beeinflusst. Die Umsetzung lässt jedoch arg zu wünschen übrig. Ein Lektorat, wie heute leider bei vielen Kleinverlagen nicht mehr genutzt, hätte nicht nur dem Stoff, sondern auch dem mehr als faden Nachgeschmack des Buches einige positive Nuancen hinzugegeben.

Dass es im Dritten Reich genügend Menschen gab, die als Mitläufer an ihrem Platz dafür sorgten, dass der unüberschaubare und barbarische Apparat der braunen Welle überhaupt existieren konnte, ist selbst im Ostteil Deutschlands schon seit vor 1989 bekannt. Mir fehlt eine eindeutige Abrechnung mit dem damaligen System. Hinzu kommt, dass beim Lesen sogar die Gefahr be-steht, die verbliebenen Systeme, besonders das der westlichen Welt, als direkten Nachfolger der umstrittenen Forschung der Nazis zu sehen. Nutznießer… ja, das wissen wir. Doch die Aussage, dass doch alles in Ordnung ist, wenn man sich schnell nach der Kapitulation für eine der Sieger-parteien entscheidet, ist in unserer Zeit der so leichten Beeinflussung bestimmter Bevölkerungs-schichten und dabei auch der Jugend sehr fraglich und gefährlich.

Ein Buch, das zum Nachdenken anregt? Ja! Nur brauchte es dazu noch eine klarere Aussage.
Ein Buch, das viele Fragen aufwirft? Unbedingt, denn Welt und Zeit, Bömer, seine Freunde und Chefs werden dargestellt, als wenn sie doch alle nichts dafürkonnten.
Ein Buch, das glaubhaft wirkt? Nein. Wenn es so gewesen wäre, gäbe es heute keine Demokratie!
Ein Buch, das Neugier auf weitere Werke des Autors weckt? Nein!

Ich kann nur hoffen, dass weder Bömer, seine Nachfahren, Nacheiferer noch der Autor Weiteres, nur halb so Schlimmes fabrizierten und fabrizieren werden.

Weitere Informationen im Internet unter http://www.at-edition.de.

© + ® der Rezension:
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Re: Promberger, Norbert - Bömer... Ein Tierarzt-Roman

Beitragvon Stefan Jahnke » 1. Sep 2011, 10:35

Info und Nachtrag:

Heute, am 01. September 2011, rief mich der Autor des Buches an.
Er bestätigte in groben Zügen meine Rezension und deren eigentlich vernichtende Aussage.
Leider bestätigte er mir auch, was ich nicht wahrhaben wollte:
Bömer gab es wirklich. Nur unter anderem Namen.

Promberger ist selbst Tierarzt und darf den wirklichen Namen der Gestalt Bömer nicht nennen. Er teilte mir nur mit, dass er wohl mit dem Sohn dieses Bömer in Kontakt steht, der seinerseits verzweifelt versucht, seinen Vater von dem Makel reinzuwaschen, ein Nazi gewesen zu sein. Sollte nur ein Teil des Buchinhaltes stimmen, wird dies sicher schwer.

Promberger gibt ebenso zu, dass er nicht gut schreibt, weist aber darauf hin, dass die Storys, die er auch unter dem Pseudonym Alois Brommelhuber veröffentlicht, i.d.R. wahr und wirklich schlimm sind.

Zum Satz und zum Cover des Buches machte er betreffs meiner Kritik zustimmende Aussagen.
Er wundert sich natürlich sehr, dass ATE mir dieses Buch als Beweis für die Qualität ihrer Erzeugnisse zuschickte.

Ich gehe davon aus, dass dieser Nachtrag als Legitimation meiner Rezension wichtig ist.

Liebe Grüße aus Dresden
Stefan

PS:
Folgt man dem Link zur AT-Edition, kommt mn auf deren Startseite, wo die Neuerscheinungen dieses Verlages gelistet sind. Zugegeben, man muss ein wenig scrollen. Aber Prombergers 'Bömer' steht da immer noch unter 'Neuerscheinungen', obwohl er schon 2009 herauskam. Komisch!
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