Rocktäschel, Lutz - Vuvuzela oder Die Stimmen der Götter

Rocktäschel, Lutz - Vuvuzela oder Die Stimmen der Götter

Beitragvon Stefan Jahnke » 29. Apr 2011, 22:39

Rezension

Buchtitel: Vuvuzela oder Die Stimmen der Götter
Autor: Lutz Rocktäschel
Genre: Science Fiction
Verlag: Pro Business GmbH, Berlin 2010
ISBN: 978-3-86805-746-1
Buch: 236 Seiten, PB, 20x13,5cm


Berge und Kur. So etwa ist der Eindruck, der sich irgendwann im Kapitel 2 von Rocktäschels zweitem Roman vermittelt. In einschlägigen Datenbanken als Science-Fiction gelistet, macht der Hinweis ‚Akustik-Thriller’ auf dem Cover neugierig.
Im Jahr der Fußball-Weltmeisterschaft 2010 und nach den vielen negativen Stimmen zu den klanggewaltigen Vuvuzelas in Süd-Afrika ist die Wahl des Titels sicher gewagt oder auch für die zu erwartende Geschichte gerade richtig.
Menschen nutzen Menschen aus. Im Namen des Fortschrittes fallen uns da viele Bilder von ver-schiedenen Versuchen bei Hochgeschwindigkeitsfahrten, Flügen, Tauchgängen, Medikamenten-entwicklungen und Ähnlichem ein. Dunkel wirken die Zeiten des Nationalsozialismus, wo dies gar ohne Zustimmung der Probanden geschah.
Lange her. Heute würde doch niemand auf die Idee kommen, Gleiches noch einmal zu ver-suchen, das Wohl, also auch die Entwicklung Aller höher einzuschätzen, als den Einzelnen. Miss-brauch. Meist Inhalt und wichtiger Bestandteil eines Thrillers. Abrechnung mit Erlebtem, Ver-such, mit Folgen jeglicher Art umgehen zu können?
Nach wenigen Seiten ist klar: Der Hauptheld Kohlpeter muss seine eigenen Dämonen be-kämpfen, sich seinen Symptomen stellen, sie nicht als ein Defizit, sondern eine Gabe betrachten.
Tauchunfall. Der ehemalige Wirtschaftsagent ist krank. Tinnitus. Er hört Geräusche. In der Antike ein Zeichen dafür, dass der Betroffene mit den Göttern in Kontakt steht. Heute steht auch diese Krankheit, dieses Symptom dafür, dass wir noch lange nicht soweit entwickelt sind, wie wir es uns manchmal einreden. Denn noch ist Tinnitus nicht vollständig erforscht, nicht wirklich heilbar, eben, wie auch andere medizinische Erscheinungen, ein Problem, mit dem man wohl oder übel leben muss.
Generatoren gibt es für viele Dinge. Strom, Kraft, Abläufe, Sprache, gar bis hin zur Musik. Hier geht es um das Rauschen. Was kann man damit anfangen? In den Bergen, nah am Himmel? Lauschen, Kontakt aufnehmen, Reisen? Längst ist uns die Welt zu klein. Wir wollen hinauf in den Himmel, andere Galaxien erkunden, fremde Spezies finden, neue Welten erobern. Der Drang der Menschheit, sich auszuweiten, Macht anzuhäufen, unbesiegbar zu gelten, der wird ewig leben und kann gerade von der finanzstarken Industrie, der Forschung und den Regierungen der Welt nicht ignoriert, sondern eher voran getrieben werden.
Architektur eines Sanatoriums. Ein Haus, wie ein menschliches Ohr gestaltet, Patienten, die mitten in dem Gebilde leben, das ihnen doch eigentlich selbst Ärger, Probleme, Unruhe bereitet.
Der Leser wird aktiv animiert, sich selbst Fragen zu stellen. Kann es möglich sein, Fernreisen nur in Gedanken oder auch auf einer Ebene von Tönen, also als eine gewisse Schallübertragung an-zutreten? Natürlich müssen dazu der Mensch oder zumindest seine Sinne umgewandelt, moduliert, eben in Klänge gepackt werden. Im gar nicht so lange zurückliegenden Zeitalter der analogen Technik wäre sicher sehr wenig vom eigentlichen Schall und damit auch von uns an einem anderen Ort des unendlich erscheinenden Weltalls angekommen. Von einer erfolgreichen Rückkehr ganz zu schweigen. Aber heute? Sieht man von Störungen aller Art ab, bleibt eine 1 wohl auch in der Ferne eine 1. Und wo nichts ist, also eine 0 hingehört, wird hoffentlich auch außerhalb unserer Galaxie nichts sein.
Kohlpeter erfährt, was wir alle schon wussten, zumindest ahnten. Wer Geld hat, besitzt Macht und kann damit auch über Andere herrschen, sie benutzen.
Auflehnen? Im Kampf gegen eigene störende Symptome noch eine neue Front eröffnen?
Rocktäschel versteht es, den Leser spannend hinüberzutragen in eine gar nicht so ferne Zukunft mit Gyrocoptern, Außerirdischen, Verschwörern. Er vermittelt das Gefühl, skeptisch nach Berchtesgaden blicken zu müssen. Ist es denn unmöglich, dass dort Polwächters Kumpane, Doktoren, Politiker und Wirtschaftsmagnate eben solch ein geniales und doch so gefährliches Klangsanatorium schufen und heute betreiben, das die Welt an den Rand eines sehr realen Ab-grundes bringen kann?
Ein Buch zum Mitdenken? Science-Fiction ist, Neues mit dem Autor gemeinsam zu erforschen.
Ein Buch zum Entspannen? Nein, denn die Geschichte ist im übertragenen Sinne zu real!
Ein Buch zum Empfehlen? Natürlich. Wer will nicht mehr über die heutige Zukunft wissen?
Ein Buch, das neugierig macht? Ja. Rocktäschel wird uns sicher weitere spannende Geschichten liefern. Ich jedenfalls bin sehr gespannt darauf.

Weitere Informationen unter www.energiemeer.de

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Re: Rocktäschel, Lutz - Vuvuzela oder Die Stimmen der Götter

Beitragvon Sandra » 8. Dez 2011, 17:45

„Vuvuzela oder Die Stimme der Götter“ ist das zweite Werk des SF-Autors Lutz Rocktäschel.
Nachdem ich schon seinen Debüt-Roman „Die Stimmgabel“ verschlungen hatte, musste ich diesen Akustik-Thriller unbedingt lesen. Und ich muss sagen: Er ist noch hundertmal besser, als „Die Stimmgabel“!

Eigentlich ist verwunderlich, dass dieses Buch auf den Amazon-Ränken so weit hinten steht, denn das hat es wirklich nicht verdient! Ich würde mich freuen, wenn dieses Buch noch mehr Leser finden würde, die nicht nur an dem Mainstream interessiert sind, sondern sich auch einmal an etwas Außergewöhnliches wagen.

Erst einmal zur Aufmachung des Buches.
Erschienen ist es im Pro Businnes- Verlag, Ende 2010.
Um das Cover hat sich auch hier wieder Tim Rocktäschel bemüht – und damit ein ansprechendes Werk geschaffen, das sofort in die Augen fällt. Hauptsächlich deshalb, weil es sich von der breiten Masse abhebt, wo doch jedes Buch aussieht wie das andere. Dementsprechend ein großes Lob an den Künstler!
Das Buch an sich ist ein Taschenbuch, die Seiten sind nicht zu dünn und lassen sich gut greifen. Auch sonst liegt das 229 Seiten starke Buch gut in den Händen und die Schriftgröße ist weder zu klein, noch zu groß.

Der Stil des Autors
ist sehr angenehm zu lesen. Es gab kaum eine Stelle, an der ich hängen geblieben bin. Und wenn etwas im ersten Moment unklar bleibt oder erscheint, wird es von ihm im Text auch erklärt. Im Gegensatz zu „Die Stimmgabel“ fehlt hier der starke philosophische Einfluss, so dass man sich wirklich gemütlich zurück lehnen und schmökern kann.

Nun aber zur Geschichte:
Der Tinnitusgeplagte Kohlpeter reist in ein Klangsanatorium in den bayrischen Bergen, um sich dort zu erholen und therapiert zu werden.
Doch dieses Gebäude ist nicht nur ein viereckiges Haus. Im Gegenteil: Es ist aufgebaut wie ein Ohr. Kohlpeter braucht eine Weile, um sich da drin zurecht zu finden und trifft dabei auf den ein oder anderen seltsamen Mitpatienten. Auch eine „zarte“ Liebesgeschichte entwickelt sich dabei.
Während einer nächtlichen Wanderung durch das Gebäude gelangt er in ein geheimes Forschungslabor. Dort gibt es ein Wiedersehen mit alten Bekannten – und die Furcht um seinen Geist. Denn in das Projekt, in das er hineingezogen wird, scheint nicht von dieser Welt.

Lutz Rocktäschel versteht es, dem Leser die Figuren und das Setting seines Romanes nahe zu bringen, bis man glaubt, das Geschehen spiele sich wirklich ab und man ist (leider) nur ein unbeteiligter Zuschauer. Mit jedem Schritt zittert man mit, bangt um die Figuren und spürt ihre Verzweiflung, Angst und Wut.
Doch auch, wenn man „nur“ vor dem Buch sitzt, wird man danach die Welt mit anderen Augen sehen. Was Rocktäschel da schreibt – soll es wirklich nur Zukunftsmusik sein? Oder geschehen dergleichen Dinge bereits heute – in unserer unmittelbaren Umgebung?
Es ist ein Buch, das man nach dem Lesen nicht einfach zur Seite legen kann und will, sondern auch ein perfekter Einstieg, um endlich mit offenen Augen durch die Welt zu gehen.

Mit „Vuvuzela oder Die Stimme der Götter“ ist Rocktäschel ein spannender Thriller gelungen, der nach einer Fortsetzung schreit.
Und auf diese freue ich mich schon jetzt!
Liebe Grüße
Sandra
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