Schulz-Vobach, Jo - Die Hebammen von Königsberg

Schulz-Vobach, Jo - Die Hebammen von Königsberg

Beitragvon Stefan Jahnke » 6. Jan 2012, 14:43

Rezension

Buchtitel: Die Hebammen von Königsberg
Autor: Jo Schulz-Vobach
Genre: Roman
Verlag: Knaur Taschenbuch 2007, 1. Auflage
ISBN: 978-3-426-812-5
Buch: 528 Seiten, PB, 11,5x18x3cm

Beeinflusst von den Hebammen-Romanen der Sabine Ebert erwartete ich nun eine ähnliche Geschichte. Zusätzlich wollte ich mehr über Königsberg in den verschiedenen Jahrhunderten erfahren, da meine Familie wohl in grauer Vorzeit auch dort lebte und es einige mystische Geschichten um diese herum gibt, denen man zwar keinen Glauben schenken muss, die sich jedoch sicher interessant anhören.

Gleich vorweg… meine Erwartungen wurden nicht erfüllt. Jedoch ist dies nicht negativ zu wer-ten. Denn obwohl die Stadtansicht auf dem unteren Teil des Titelcovers sicher Königsberg dar-stellen soll, geht es kaum um die Stadt, sondern eher um die Reise einer Familie, deren Frauen über verschiedene Generationen Hebammen werden oder eher werden müssen. Aus eigenem Antrieb und weil ihr Blut es wohl so will.

Wirren haben diese Frauen zu erdulden. Parallelen auf eine feine und völlig andere Art zu Eberts Geschichte kommen hoch, denn auch die Hebammen aus dieser alten Familie haben Repressalien zu erdulden, müssen sich nicht nur den Wirren der Kriegszeiten, dem Dünkel der Männer und den Vorurteilen der sogenannten reichen Familien, die sich als wohlhabend und damit über allem Stehend ansehen stellen, sondern gar dem russischen Winter, einem Konzentrationslager, wüsten Beschimpfungen, Lüge und Verrat. Ein Bruch scheint durch die eigene Familie zu gehen. Manche wollen unbedingt vergessen, wo ihre Bestimmung liegt, andere hängen an der alten Hebammentasche, die die nachweislich erste mutige und kundige Frau erhielt und die seither alle Hebammen der Familie begleitet, ehe sie irgendwann verloren geht.

In den frühen Jahren der denkenden Menschheit galten sie als wichtige Personen, waren Binde-glied zwischen den Göttern oder höheren Wesen und der normalen Umwelt. Heute nennen wir solches auch Schamanismus, manchmal Hexerei und stets umfliegt solche Frauen ein gewisser Nimbus. Sie strahlen eine Ruhe, eine Sicherheit aus, können mit ihrem Tun helfen oder auch verdammen und sind doch stets wieder bereit, zuzugreifen. Sie leben bis heute jenen Regeln nach, die die heutigen Ärzte leider nicht mehr befolgen und damit auch nicht mehr schwören müssen.

Jo Schulz-Vobach versteht es, den Leser über einen roten Faden an die Geschichte zu binden. Immer wieder geht es zurück in die Vergangenheit und doch liegt die eigentliche Erzählung und gar die Gefahr, dass die Tradition der Familie sterben könnte, in der unmittelbaren Gegenwart.

Der Kreis scheint sich zum Ende zu schließen. Verraten werde ich davon natürlich nichts. Aber Schamanen gibt es auch heute noch. Man nennt sie vielleicht anders, toleriert sie wirklich oder verlacht sie und lässt sie doch links liegen. Was sie jedoch bewirken können und wie eng eigent-lich die Kunst des Heilens auch mit den Regeln der Natur verbunden sind, erkennen wir manchmal zu spät.

Das Buch selbst verdient es sicher nicht, heute auf dem Wühltisch in 99-Cent-Läden verkauft zu werden, wie es leider schon geschieht. Aber bei der Fülle ähnlich klingender Namen hat nicht jeder Roman, der gut ist, auch wirklich eine Chance, so empfunden und gekauft zu werden.

Als ich die beiden Frauen oben rechts auf dem Cover genauer betrachtete, fiel mir auf, dass sie sich wirklich ähneln. Kann sein, dass es Mutter und Tochter sind. Kann sein, dass noch mehrere Jahrhunderte zwischen ihnen liegen. Kann auch sein, dass es sich um ein und dieselbe Person handelt. Es wäre also möglich, dass das schlichte Cover vielleicht viel mehr ausdrücken soll. Die Suche nach dem eigenen Ich, die Freude, es zu finden und sich damit einer vorbestimmten Aufgabe zu stellen?

Sicher habe ich dieses Buch nicht zum letzten Mal gelesen. Ein Vergnügen war es sicher nicht. Die Geschichte ist nichts zum Kuscheln. Sie verrät viel über die Abgründe des menschlichen Miteinanders, eben auch den Zwiespalt zwischen jenen Tagen, in denen man einen anderen verlacht und denen, in denen man genau diesen Menschen braucht und erwartet, dass er einem hilft… egal, wie man sich vorher ihm gegenüber benahm.

Ein Buch, das den Leser munter hält? Oh ja!
Ein Buch, das man gelesen haben muss? Wenn man eine geschickt in die bekannte Geschichte eingeflochtene Story über Jahrhunderte verteilt mag, dann ja!
Ein Buch, das nachdenklich stimmt? Oh weh… viele Dinge sind zu überdenken!
Ein Buch im guten Erzählstil? Spannend, interessant und einprägsam. Also: Ja!

Was verbindet sie wohl, diese Hebammen von Königsberg? Und was ist ihr Vermächtnis?

Weitere Informationen im Internet unter http://www.kraur.de.

© + ® der Rezension:
Stefan Jahnke, Dresden
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