Barrow in UK - Eine windige Geschichte

Barrow in UK - Eine windige Geschichte

Beitragvon Lutz Rocktäschel » 16. Jul 2011, 07:38

Seit einigen Monaten habe ich immmer mal wieder einen Trainingsauftrag in der Windkraftbranche zu bearbeiten. In diesem Falle ginge es um eine Sicherheitsschulung einer namhaften deutschen Firma in Großbritannien. Das Service-Personal eines Offshore-Feldes vor der Küste von Barrow hatte ich in Sicherheitsfragen der Verschraubungstechnik einzuweisen.

Die Powerpoint-Präsentation in Englisch war erarbeitet. Die Technik per Spedition versendet. Nun brauchte ich nur noch über den Kanal setzen und konnte schon beginnen: Um 03:00 Uhr aufstehen, mit U- und S-Bahn zum Flughafen Schönefeld, von dort mit dem Flieger nach Köln-Bonn, Treffen mit dem mitreisenden Kollegen, gemeinsam mit dem Flieger nach Manchester, 11:00 Uhr ankommen - und nun warten. Das Sicherheitstraining sollte mit meinem Part um 14:00 Uhr beginnen. Es waren noch zwei Stunden Wegzeit bis Barrow. Alles war abgesprochen, nur der Kollege, der uns abholen sollte fehlte. Nach einigen Telefonaten, und der Ahnung, dass damit der Fahrer erst abgeschickt wurde, fuhren wir zwei Stunden später Richtung Barrow.

Die Zeit war lange Überfällig. Die Schulung begann und war am späten Nachmittag schon wieder vorbei. Der Übersetzer fuhr uns ins Hotel, das sich im Umbau befand. Das Mädchen an der Rezeption fegte alle aufkommenden Zweifel mit einem Lächeln fort. Tja, und dann das Zimmer, wie ich es von UK so kenne - irgendwie ein bischen ältlich angestaubt. Aber ein Bad mit ordentlicher Dusche - geht doch.

Abendbrot um die Ecke in einem bekannten Restaurant, das auch die Einheimischen viel nutzen. Da kann man ja nichts verkehrt machen. Sollte man meinen. Mein Kollege bremste mich schon am Eingang. Wir sollten doch besser warten, bis wir platziert werden. Ich lästerte schon mit meinen alten DDR-Erfahrungen. Und genau so kam es auch. Wir wurden da platziert, wohin ich mich niemals gesetzt hätte. Als ich der Kellnerin die vielen anderen freien Plätze zeigte, verdonnerte sie uns erst recht, genau da zu sitzen, wo die Kellner alle vorbei mussten und gleich daneben die englische Großfamilie mit Kind und Kegel lauthals Abendbrot aß.

Das Beste, was es gab, war Pitza. Ich glaube, England hat keine eigene Küche. Seltsam, aber das Bier, von dem mir abgeraten wurde, konnte man trinken. Endlich wieder draußen, sahen wir uns den Ort an. Eben ein Hafen- und Industriestandort. Eine gewaltige trutzige Kirche in einem Ort mit engen Gassen und geduckten Reihenhäusern aus dem 19. Jahrhundert. Und ein paar Einkaufs-Kästen aus den 70er Jahren. Wie andernorts auch, fehlte irgendwie Farbe an den Häusern.

Das Zimmer selbst hatte kein Fenster, nur das Bad. In der Nacht hörte ich im unruhigen Schlaf die Restaurantkinder schreien und quäken, bis ich des Morgens bemerkte, dass es die Möven waren, die sich über den Dächern der typisch englischen Schornsteinlandschaft um alles mögliche stritten.

Nach dem vormittäglichen Training und einem kurzen Blick auf die vorgelagerte Insel, ging es wieder zurück nach Hause: Auf das Taxi eine Stunde warten, zwei Stunden nach Manchester, nein diesmal nur etwas mehr als eine Stunde. Mit dem Flieger nach München, mit Blitzeinschlag und Donner. Bei der Landung schlagen Nägel in meiner Stirnhöhle durch die Augenbrauen. Wir sind zu spät, ich muss zum nächsten Gate rennen, um den Flieger nach Berlin zu bekommen. Aber die warten ganz freundlich. Der Kollege muss noch nach Köln. Am Abend landete ich in Tegel, fuhr mit U- und S-Bahn nach Hause. Gleich drei nette Mädels nennen mir die richtige Umsteige nach Biesdorf. Ich liege um 1 Uhr nachts endlich in meinem eigenen Bett und düse noch immer in der beengten Dose durch die Lüfte.

Nach vier Tagen frage ich mich: War da was?

:lutz: L.R.
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X-Change - Lutz, Dein Erlebnis kann ich nachvollziehen!

Beitragvon Stefan Jahnke » 16. Jul 2011, 10:05

Das hast Du schön beschrieben, Lutz.
Und einiges erkannte ich nur zu gut wieder.

Gerade das Problem der abgemachten Abholung... oder das tolle Essensangebot in Pubs und anderen rein englischen Restaurationen. Meine Theorie ist ja, dass die Krone den Commonwealth aufbauen und halten musste, damit die Englishmen die ausländische Küche als ihre eigene verkaufen können. Denn außer Sandwiches ist da nicht viel auf der Insel hinterm Kanal. Aber die Inder, eigentlich ja auch alles Briten (gewesen), die kann ich empfehlen. Und wenn ein Engländer richtig gut essen gehen will, tut er das meist beim Inder oder in Chinatown (London, Chinatown, 'all you can eat'... echt lecker und man wird satt!!!).
Als ich südlich von London wohnte, musste ich mir jedenfalls im dortigen Pub immer anhören, wenn ich dort was essen wollte: 'The cook ist ill!'. Vielleicht auch nur eine 'Ill'-usion?

Na ja, meine Erlebnisse kann man in wenigen Tagen nachlesen. In meiner neuen Reiseerzählung 'X-Change', in der ich mein Leben im Jahre 1996 südlich von London beschreibe. War eine spannende Zeit. Vor allem, was Erfahrungen betrifft.
Guckst Du hier!

Ich wünsche Dir, dass zumindest Einiges bei Deinem Workshop herauskommt und nun bald ganz Großbritannien von Dir fest verschraubt wird.
...und ganz nebenbei, dass Du nach diesem Erlebnis mit deutschen Verhältnissen wieder klarkommst ;-).

Liebe Grüße aus Dresden
Stefan
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