Über 400m rauf und runter: Schwedenlöcher Sächsische Schweiz

Über 400m rauf und runter: Schwedenlöcher Sächsische Schweiz

Beitragvon Stefan Jahnke » 26. Sep 2011, 20:34

Dieses Jahr spielt das Wetter, was es will. Hatten wir einen verregneten und kalten Sommer, so ist der Herbst nun wirklich schon ‚golden’ zu nennen. Vielleicht weniger, weil die Bäume schon stark gefärbtes Laub haben, als vielmehr, weil die Sonne immer wieder hervorkommt und dabei schnell noch einmal Temperaturen bis 25 °C ans Thermometer zaubert.
Der rechte Grund also, um noch einmal aufzubrechen und in der nahe Dresden gelegenen Sächsischen Schweiz auf den Spuren eines meiner Bücher oder auch einer alten Sage zu wandern. Der vom Honigstein, die einst der Auslöser für mein Buch ‚Felssturz’ war. Doch ganz so einfach kam es doch nicht zu der Tour.
Mein Sohn hatte in der gerade vergehenden Woche sogenanntes ‚Kennenlernen-Lager’ im Kiez in Sebnitz, einem Ferienlager. Und weil er gerne Fußball spielt, nutzte er dort ausgiebig den Fußballplatz. Leider blieb bei seiner Abreise seine neue Jacke dort hängen und wir hatten einen guten Grund, zum Sonntag gen Sebnitz zu fahren, die Jacke zu holen und danach auf dem Wege zurück nach Dresden auf dem großen Basteiparkplatz anzuhalten.
Zurzeit wird zwischen dem P&R-Parkplatz und der Bastei an der Straße durch den Wald gebaut, sodass man den direkt vorn beim großen Panoramahotel gelegenen letzten Parkplatz über den Tag nicht mit dem eigenen Auto erreicht, sondern vom P&R-Parktplatz den Pendelbus nehmen muss. Kein Problem, da der Pendelverkehr alle zehn Minuten fährt.
Unsere Kinder waren das letzte Mal von sieben Jahren auf der Bastei und so nahmen wir uns vor, den Wandertag mit einer Besichtigung der Aussicht und vielleicht einem Eis im Panorama-Restaurant zu beschließen. Aber vor das Eis hatten Mama und Papa die Wanderung gesetzt.
Nach einer gemächlichen Fahrt von Dresden nach Sebnitz und wieder zurück zur Bastei, der Zahlung von 3 EUR Miete für einen nur teilweise gepflegten Parkplatz und dem Blick auf die Karte, umfing uns ‚endlich’ typisch deutsche Hektik, denn der Bus stand noch an der Haltestelle und die Drohung, zehn Minuten auf den Nächsten warten zu müssen, ist sicher Grund genug für flinke Füße. Also waren wir die Letzten im vollen Bus, der uns für Hin- und Rückfahrt zur Bastei als Familie noch einmal 4 EUR kostete. Dafür konnten wir stehend alles gut überblicken, uns darüber wundern, wie man am Morgen (gut, es war schon 10:30 Uhr) schon so einen Schweißgeruch im Bus haben kann und wie man auf einer einzigen Waldstraße insgesamt vier Ampeln unterbringt, ehe die rd. 2,5 km hinter uns lagen und wir an der Souvenirhütte der Bastei aussteigen konnten.

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Felsloch zum Fürchten

Der Wanderweg zu den Schwedenlöchern war schnell gefunden. Natürlich konnte ich es nicht lassen, auf dem schönen, bald in Treppen übergehenden Steig hinab in den Amselgrund die ganze Geschichte dieser Namensgebung (Schwedenlöcher) zu erzählen.

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Da hindurch?

Im 30-jährigen Krieg versteckten sich die umliegenden Dorfbewohner vor den anrückenden Schweden… erfolgreich, denn die Gegend war danach nicht leer.

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Na, zu dritt geht es doch. Stimmts, Papa?

Natürlich sinnierten wir zwischen bizarren Felsgebilden, auf wackeligen Betonplatten und Niro-Stiegen darüber, wie es wohl ist, wenn man sein Haus verlassen muss, sich in so ein Sandsteinloch zwischen den Felsen zurückzieht und nicht weiß, was die Soldaten oben mit dem Hab und Gut anstellen, was man zurücklassen musste.

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Wackelige Angelegenheit

Zum Glück lebt von damals wohl heute niemand mehr und man verzeiht uns unseren Spaß, wenn ich sage, dass man sich vielleicht mit den Schwedenlöchern verbesserte… denn fließend Wasser hatten die Katen in den umliegenden Dörfern Rathewalde oder auch auf den Burgen Neu- und Altrathen kaum. An den Felsen lief jedoch am Sonntag reichlich Wasser herunter.

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Fließendes Wasser im Schwedenloch

Nachdem wir den Abstieg geschafft hatten, standen wir etwa auf halbem Wege in Richtung Amselfall (links) und Amselsee (rechts)…

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Nationalpark - alles bleibt Natur!

…wählten den Weg zu Letzterem, vorbei an einem Kneip-Wassertret-Becken und überquerten bald den letzten nördlichen Ausläufer des Sees, an dessen südlichem Ende es zur legendären Felsenbühne abgeht. Doch die war ja auf dieser Tour nicht unser Ziel.

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Paddelteich zwischen Elbsandstein

Der Weg führt immer oberhalb des Sees entlang. Er hat den Vorteil, dass man darauf fast allein ist, weil die Besucher in Anzug und Sonntagskleid eher die Promenade am Westufer des Sees nutzen. Auf dem See paddelten und strampelten die Touristen in Booten und auf Wassertretern und wir erinnerten uns an unseren Urlaubs-Zwischenstopp auf der fahrt nach Kärnten im Sommer 2010, als wir in Oberviechtach beim Dorffest auf dem dortigen Teich mit einem Wassertreter die Schwäne jagten.
Schließlich geht der Saugrund nach Osten vom Weg und damit auch vom See ab. Immer hinauf (leicht) und immer auf die Honig- und Feldsteine zu, direkt in die Kernzone des Nationalparks Sächsische Schweiz hinein, in die nur ordentliche Wanderer und Kletterer auf den begehbaren Wegen betreten dürfen. Da wir lebensmüde sind (hahaha!), hatten wir uns entschlossen, diesmal unter die ordentlichen Kletterer zu gehen.
Auf halbem Wege zum Felsenfuß zwischen Honig- und Feldsteinen dachte ich, wir müssen schon nach links weg. Da war so ein zugewachsener Weg… das wird noch interessant. Doch wir gingen geradeaus weiter und fanden bald die Stiegen, die mal von der Nationalparkverwaltung angelegt wurden (Hühnerleitern), inzwischen aber durch Wind und Wetter den Weg alles Irdischen gingen und uns mehr oder weniger unter den beherzten Tritten wegbrachen, was uns gleich wieder einen guten Meter gen Tal beförderte. Aber nichts war geschehen… mal vom Leiterntod abgesehen. Und so kletterten wir weiter nach oben, erreichten auch die Kehle zwischen den beiden Steinmassiven.
Die Honigsteine, bekannt durch die alte Sage, in der die Bienen durch ihre fleißige Arbeit soviel Honig produzierten, dass der am Felsen herunterlief und sich jene Leute, die sich später vor den Schweden versteckten, davon als Süßungsmittel nahmen, was einem Raubritter auf der Burg Rathen nicht gefiel, warum er es verbot und dafür von den Bienen bestraft wurden, waren schon immer meine kleine und große Liebe. Irgendwann, sagte ich mir, will ich mal da oben auf. Träume… ich bin ja kein Bergsteiger!
Aber…

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Hinauf auf verbotenen Wegen

In der Kehle geht es eigentlich nicht weiter. Offiziell. Wendet man sich jedoch nach links, so sieht man dort eine schmale Spalte, in der man sich mit Körperkraft und eigenem Verleugnen nach oben ziehen kann. Wacker folgten mir brav Eheweib und Kinderlein.

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Genialer Blick - aber wir sind hier allein. Die da drüben auch?

So saßen wir wenig später in luftiger Höhe und doch mitten in einem Kiefern- und Birkenwald oben, hatten einen herrlichen Blick auf die Felsen rund um den Amselsee (Lokomotive, Gans, Kamel usw.) und die Basteiaussicht und baumelten mit den Beinen gut 80 Meter über dem Boden (phu…).

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Tuff, tuff, tuff, die Felsbahn kommt...

Darum wanderten wir dann auf dem Grat der Honigsteine weiter und fanden eine noch bessere Aussicht, von der wir Lilien-, König-, Pfaffen- und Zirkelstein sehen konnten (um nur einige zu nennen) und gleichzeitig aus dem Rucksack leckeren Kartoffelsalat, Käsebockwurst, überbackenes (kaltes) Kassler, Gemüse usw. mit Tee und Sprudel zu verzehren.

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Ein Schritt und es geht abwärts!

Wieder mit den Beinen über dem Abgrund und im lockeren Gespräch mit ein paar Kletterern, die eben ihre Seile aus den paar Haken vor uns zogen und uns erst entgeistert ansahen, woher wir denn in unserem Aufzug (also ohne Helm und Seil) kamen.
Bis hierher war trotzdem alles noch Spaß. Denn nach erfolgreichem Essen ging es weiter gen Nordosten, auf einem kaum 10 cm breiten Felsband an einem Abgrund entlang, wo gleich auch noch der Felsen gerade hoch und runter ging. Dazu gehört Gewöhnung oder Selbstverachtung. Nun ja, wir dachten, wir besitzen Ersteres und überstanden sogar die Stelle, als aus den 10 cm gar acht oder weniger wurden, dafür aber ein paar Sandsteinlöcher an der Felswand etwas mehr Halt gaben.
Irgendwann hatten wir eine herrliche Aussicht auf die weltberühmte Basteibrücke, aber Hände und Hals voll, sodass wir nur genießen, aber nicht fotoknipsen konnten. Na ja, vielleicht, wenn wir mal mit einem Kran vorbeikommen!
Später nahmen wir nicht den etwas seichteren Abstieg, der auf einer alten DDR-Kletterkarte aus meinem Fundus vermerkt war, sondern entschieden uns für eine sandige Talwanderung zwischen Tannzapfen, Stolperwurzeln und lockeren Steinen, die uns genau an die Stelle führte, wo ich auf dem Aufstieg schon einmal links abbiegen wollte.

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Birken im Land der Birken?

Nun reihten wir Gestressten uns, etwas schwer atmend, mit ein paar kleinen Stichen in den Waden und Muskeln, in die Anzugträger ein, die sich die zehn Minuten vom Amselsee zum Amselfall gönnen wollten und sich dort hinten auf ein leckeres Stück Kuchen freuten. Dabei erinnerten wir uns an unsere Regentour vor gut zwei Jahren zum Amselfall, als wir uns da gut eine Stunde mit der Mitarbeiterin des Nationalparkhauses unterhielten und uns austauschten, was man am Besten für Wanderschuhe in den Alpen tragen sollte. Vielen Dank noch einmal an diese Frau… wir besorgten uns genau ihren Tipps gemäß solche Schuhe und kamen letztes wie dieses Jahr auf allen unseren (halsbrecherischen) Touren gut voran.

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Trutzige Felsen

Hinter dem Amselfall ist die Welt zu Ende? Nun ja, für die Anzugwanderer schon. Wir jedoch kletterten den recht gut gangbaren Treppenweg hinauf zum Staubecken des Wasserfalls, dann weiter durch den Grünbachgrund.

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Hoch hinauf!

Wobei wir uns aber nicht ewig am Wanderweg festhalten wollten und bald schon einen zwar sichtbaren aber eben nicht ausgewiesenen Abzweig nach Links nahmen, der uns schnell wieder ganz allein und einsam auf die Höhen der Bastei führte.

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Wie mit dem Lineal gezogen...

Ein schnurgerader Waldweg, etwas zugewachsen, von Fröschen und anderem Getier bewohnt, sieht in solcher Einsamkeit schon etwas komisch aus, brachte uns jedoch schnell und gut an die Basteistraße, wo wir nun den offiziellen Wanderweg, immer ein paar Meter entfernt von der Straße, zur wohl weltberühmtesten Aussicht in einem Mittelgebirge nahmen. Natürlich erreichten wir irgendwann den vorderen, zurzeit nicht zugänglichen Parkplatz und spürten schon die gut 400 Höhenmeter, die wir durch unser Auf und Ab auf der Tour absolvierten (ja, das Elbsandsteingebirge ist nicht so hoch.

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Orient in Sachsen... dieses Kamel ist keine Zigarettenwerbung!

Aber wenn man die Höhen aneinanderreiht…).

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Der Felssturz aus 'Felssturz'?

Schließlich standen wir auf dem Balkon Sachsens, sahen auf den Elbknick, hatten sie alle bei bester Sicht vor uns, die berühmten Steine der Gegend, sahen Dampfer, Fähren, Häuser, Züge…

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Schiffe müssen abbiegen

…auch alle Steine, die wir auf der absolvierten Strecke erkletterten, und waren zufrieden.

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Da waren wir heute!

Zu guter Letzt musste die Belohnung sein. Und man glaubt es kaum… wenn sich an der Aussicht Engländer, Japaner, Deutsche, Niederländer usw. gegenseitig von den Geländern wegschoben, bekamen wir tatsächlich einen herrlichen Panorama-Tisch im Panorama-Restaurant und ließen es uns noch eine Weile gut gehen, ehe uns unsere Beine am 4-Sterne-Bettenhaus des Hotels vorbei zurück zum Bus brachten, der wieder gleich dastand, uns auch mitnahm.

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Belohnung mit Aussicht!

Die Fahrt im Auto zurück war ruhig und unspektakulär. Aber was wir erlebten und anschauten, schafften und nun berichten können, war wieder einmal einzigartig.
Wir danken der Sächsischen Schweiz für ihre Felsen, den anderen Autofahrern, dass sie unsere Fahrt dahin und auch zurück nicht mit sinnlosen Unfällen verzögerten, unseren Lebensmittel-Discountern, die uns die Grundlagen unserer Reiseverpflegung einfach erstehen ließen, dem Staat, der die Wochenenden trotz drohender Europapleiten noch als Freizeit zulässt und uns selbst, weil jede Tour, so schön sie doch im Nachhinein immer ist, erst einmal den inneren Schweinehund zu überwinden fordert, damit man die Wanderschuhe anzieht und loswandert.
Jippi! Ich war auf den Honigsteinen… Und ein paar Bienen habe ich da auch herumfliegen sehen.

Liebe Grüße aus Dresden
Stefan
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Re: Über 400m rauf und runter: Schwedenlöcher Sächsische Sch

Beitragvon Sandra » 30. Sep 2011, 13:38

Anzugwanderer?! :zun: :zun: :zun:
Hab vielen lieben Dank für den tollen Bericht! Meine Eltern waren am Mittwoch auch genau die Strecke wandern ... (und heute tun ihnen immer noch die Füße weh :mrgreen: )
Liebe Grüße
Sandra
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Re: Über 400m rauf und runter: Schwedenlöcher Sächsische Sch

Beitragvon Stefan Jahnke » 30. Sep 2011, 18:30

Anzugwanderer... echt! Wenn Du durch die Schwendenlöcher auf den Amselgrund triffst (halber Weg zwischen Amselsee und Amselfall), dann kommen Dir tatsächlich Damen wie Herren im feinen Zwirn entgegen. Zumindest am Wochenende. Aber so haben wir alle wenigstens was zum Lachen! Erinnert mich immer an unsere Wanderungen früher, als ich noch Kind und Teenie war. man krakselt irgendwie die Berge hoch, sieht entsprechend aus und ist ebenso fertig. und oben auf dem Promenadenweg (egal wo) kommen die gerade aus dem Auto Gestiegenen vorbei und gucken noch... unklug... weil man nicht in ihr Bild des Flanierers passt... phu... die Welt ist komisch!
Hoffe, Deine Eltern können nun wieder richtig laufen, Sandra. Ich hatte auch Mo/Di noch ein paar klitzekleine Probleme. Aber die hat der Sieg über Höhe und Angst beim unbedarften Klettern auf die Honigsteine genommen!

LG from DD
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