Wanderungen und Ideen - Zschopautal

Wanderungen und Ideen - Zschopautal

Beitragvon Stefan Jahnke » 6. Apr 2011, 15:53

ZSCHOPAUTAL
Hallo Ihr Lieben,

hier mal ein Wanderbericht vom vergangenen Wochenende.

Letztes Wochenende... lange vorbei.
Bei dem schönen Wetter haben wir sicher alle etwas erlebt.

Durch Zufall las ich am Freitag in der Zeitung, dass die Erzbahn in Schönborn-Dreiwerden am Samstag ihren diesjährigen Betrieb wieder aufnehmen sollte. Nun, als gelernter Lokschlosser sollte man sich das einmal ansehen. Zumal ich das Zschopautal noch nicht weiter kenne. Ein Frevel, wie es sicher Sabine Ebert benennen würde, denn dort wurde über Jahrhunderte jeder Felsen irgendwie behauen. Ähnlich also, wie in der Freiberger Region.

Die Zschopau entspringt am Fichtelberg und legt auf ihren knapp 130 km Länge bis zum Zusammenfluss mit der Freiberger Mulde knapp 1.000 Höhenmeter zurück. Die Region ist uns allen sicher nicht erst nach Sabine Eberts Siedlungsgeschichten rund um die Hebamme bekannt. Der Bergbau scheint da mehr zuhause, als die übrige Natur. Wenn man zumindest dem Internet glauben darf.

Also machten wir uns am Samstagvormittag auf, die Bahn zu suchen.
Von Dresden fährt man die A4 bis Hainichen, schlägt sich dann über eine schlaglochgeplagte Landstraße bis Mittweida durch und ist fast da. Der Anfahrtsbeschreibung im Internet unter http://www.erzbahn.org sollte man nur bedingt vertrauen, also wirklich bis hinters Ortsschild von Mittweida fahren und dann den Wegweisern nach Schönborn-Dreiwerden folgen. Erreicht man den Ort, gibt es nur einen sehr kleinen Wegweiser rechts zur Erzbahn und schon ist man da. Parken kann man während der Betriebszeiten direkt am 'Bahnhof' der Bahn oder unten an der Holzbrücke auf der Zschopau-Insel.

Der Schock...
Wir waren die Einzigen. Neben dem Bahnverein natürlich. Und damit hatten wir auch die rd. 600 Meter lange Strecke bis zum Mundloch eines der vielen Stollen für uns allein.

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Der Lokführer war eine echte Quasselstrippe und erzählte uns eine Menge über Bergbau in der Region, überstandene Katastrophen, Hochwasser, Verein, Streit zwischen Besitzerfamilien, Missbrauch von Signalanlagen usw. War sichtig gemütlich und auch spannend.
Die Fahrt lag schnell hinter uns und dann begann eine wunderbare Wanderung vom Mundloch des Stollens, wo die Bahn früher noch hineinfuhr und irgendwann auch wieder fahren soll. In diesem Bergwerk, was leider zu war, gibt es auch einen Teich, auf dem man in einem 'ausgedienten' Spreewaldkahn gefahren wird. Klingt spannend... für irgendwann später einmal. Doch nun begann die Wanderung. Rund eine Stunde ist sie etwa lang und führt zum nächsten technischen Denkmal.
Doch vor die Besichtigung hat irgendwer das Laufen gesetzt.

Dass hier alles alt ist, erkennt man leicht an den Wegsteinen.

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Während wir die Aussicht, das gerade jetzt hervorbrechende Grün und die Informationstafeln genießen und lesen durften wurde auch klar, dass die Zschopau ein immer wieder über die Ufer tretender Fluss ist. Während des Hochwassers 2002, das eigentlich in unseren Erinnerungen immer als das an der Elbe, vielleicht noch um Weesenstein herum vorhanden ist, stand das ganze Tal so hoch unter Wasser, dass jedwede Ansiedlung vollständig geflutet war. Und auch heute tritt der Fluss häufig über die Ufer, woran man durch die Rückstände in Büschen und an Bäumen erinnert wird.

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Aber damit lebte die Region in den Jahrhunderten ihrer Siedlungsgeschichte immer wieder und darum konnte auch Wasser nicht verhindern, dass der Bergbau blühte.

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Auf der ganzen Tour sahen wir etwa dreißig Stollenzugänge. Manche davon scheinen heute in privater Hand zu sein, auch als vielleicht gar lebensgefährlich einzuschätzende Boofen oder private Weinkeller genutzt zu werden. Dass bei dieser Menge alter bergbaulicher Anlagen in einem hochwassergefährdeten Gebiet die Sicherung der Anlagen schwer ist und auch der Staat nicht für jedes alte Mundloch aufkommen kann, leuchtet sicher ein.

Während wir das Feierobnd-Lied sangen, auf das wir mit der Tafel so nett hingewiesen wurden…

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…wurde uns der Ursprung des Textes, also die Freude auf den Abend nach getaner Arbeit, in diesem Traditionsgebiet bewusst. Und als wir dann etwa auf halber Strecke zu unserem Ziel ein paar Stufen an der ‚Grubenwehr’ nach oben kletterten und in diesem gerade sehr breiten Talabschnitt die Hochwassermarke von 2002 etwa 10 Meter über dem normalen Flusslauf entdeckten, wurde es uns schon wieder anders. Sicher ähnlich, wie das Wildschwein, das bei einem der letzten Hochwasser zu nah an den Fluss kam und mitgerissen wurde.

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Andere Tiere erledigten den Rest. Leben ist vergänglich… auch in schöner Umgebung.

Bald waren wir wieder direkt am Fluss und sahen, dass der einen weiten Knick macht. Der Wanderweg war hier nicht ganz eindeutig. Doch wenn man zu viert unterwegs ist, kann man einen am Ausgangspunkt zurücklassen und in drei Richtungen gehen. Irgendwann findet sich dann an anderer Stelle wieder ein Wegzeichen und schon kann man sich wieder zusammenfinden.

Etwas wunderten wir uns schon, als wir wenig später unser Ziel am Fluss entdeckten. Der Lokführer sprach ursprünglich von sieben Kilometern und wir waren mit unserer Pause die anfangs erwähnte knappe Stunde unterwegs… na ja, scheinbar kannte de Mann seine Lok besser.
Zumindest standen wir nun am Fluss und ließen uns von der ältesten Querseilfähre Sachsens über die Zschopau ziehen. Alles mit Muskelkraft. Manchmal erlebt man solch ein Gefährt in Freizeitparks. Hier jedoch ist die Fähre auf Kilometer die einzige Verbindung zwischen den Flussseiten. Und das seit 185 Jahren.

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Die Fähre wurde nach einer Wirtin benannt, übrigens der Großtante des heutigen Wirtes, die 1925 mit ihrem Mann die Wasserschänke übernahm (http://www.wasserschaenke.de) und sie auch nach ihrer Scheidung allein fortführte.
Neben der Gaststätte (gutbürgerliche Küche, stadtgewohnte Preise, aber recht kleine Portionen für Preis und Gegend) steht die Ruine einer alten Fabrik, die ihre Kraft, ihre Energie durch Wasserräder an den Stromschnellen neben der Fährstelle bekam. Heute stehen nur noch Solaranlagen auf dem Dach, die wohl die Wasserschänke versorgen.

Obwohl laut Karte nicht ausgeschildert, wollten wir auf der mit der Fähre erreichten Zschopauseite zurück zum Ausgangspunkt und fanden auch einen Weg, der uns bald einen kleinen Anstieg und eine weite Weide meistern ließ. Dann lag vor uns ein Dorf, dessen Name ich noch nie gehört hatte. Zschöppichen-Neusorge.
Nun ja, über dem Dorf prangt ein Schloss. Was hat Stefan anderes zu tun, als gleich wieder Stoff für neue Geschichten zu vermuten? Und wirklich… Schloss Neusorge hat eine interessante Vergangenheit.

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Nicht nur, dass es 1689 vom Kursächsischen Amt an die Familie von Arnim ging, aus der ja später jene Bettina von Arnim hervorging, die wir schon im Geschichtsunterricht kennenlernen mussten. Nein. Durch meine Recherchen zur ‚Geheimbibliothek’ weiß ich, dass Heinrich von Bünau, Gründer der Sächsischen Landesbibliothek, eine von Arnim ehelichte.

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Und wirklich… auch wenn es ein anderer Zweig beider Familien war, scheint die damalige Ehe von Bünaus mit Christiane von Arnim auch hier Besitzerwechsel verursacht zu haben. Denn 1795 bis 1858 gehörte das Schloss den von Bünaus.
Heute steht das Gebäude weitestgehend leer und wartet auf einen Investor, denn die beiden privaten Besitzer bringen die nötigen Gelder irgendwie nicht auf.

Ein interessanter Bericht inkl. TV-Video ist im Internet vorhanden:
http://www.mittelsachsen-tv.de/default. ... ews=526954
Und wer die zwei Millionen Euro aufbringen will, kann mit den Verkäufern Kontakt aufnehmen und sich noch ein wenig in die Geschichte des Schlosses einlesen.
http://de.wikipedia.org/wiki/Schloss_Neusorge
http://neusorge.de/index.php?option=com ... &showall=1

Interessant für mich war der Bezug zu Kindern… Erst als Heilanstalt, in der Elsa Brandström bis zum Weggang nach USA wirkte, die den Dresdnern sicher nicht nur durch die gleichnamige Straße an der Christuskirche in Strehlen bekannt ist, sondern auch eine Urmutter der Hilfsorganisation CARE ist. Während der Nazizeit wurden auf dem Schloss Motorrad-Militärs ausgebildet. Später in der DDR war hier ein Heim für Schwererziehbare, bis das riesige Schlossareal nur noch als Schule diente und nun leer steht.

Nun ging es entlang eines Teiches und vorsichtig an vielen herumhüpfenden Fröschen durch den Wald und immer weiter hinunter zurück an die Zschopau. Hier steht ein altes Turbinenhaus, das während der Flut technisch kaputtging und nun einem Russen gehört, der es liebevoll sanierte (er muss noch einiges tun) und darin eine Hundeschule gründete.

Die Zschopau hatte uns wieder und wir genossen noch eine halbe Stunde ruhig am Fluss auf einer Wiese unweit der Stromschnellen, die auch interessant anzusehen sind.

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Dann ging es zurück zur Bahnstation, wo wir dem Lokführer unseren Wildschweinfund erzählten. Wegen der Hygiene werden die Vereinsmitglieder die Reste in den nächsten Tagen beseitigen. Immerhin ist der Mann nicht nur im Verein, sondern arbeitet auch in einer kleinen Holzfirma und ist Jäger in diesem Gebiet.

Nachdem wir noch einen künstlich als Anschauungsmittel am Bahnhof gebauten kleinen Schacht besichtigten, ging der Ausflug langsam zu Ende. Die Rückfahrt verlief ohne Probleme und wir finden alle… es war ein toller Ausflug. Viel mehr Besucher sollten dahin kommen, mit der Bahn und der Fähre fahren und die wirklich fast unberührte Natur genießen.
Also… eine Empfehlung für alle, die irgendwann in die Regionen Dresden und Chemnitz kommen.

Liebe Grüße aus Dresden
Stefan
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