Lohmeyer, Wolfgang - Der Hexenanwalt

Lohmeyer, Wolfgang - Der Hexenanwalt

Beitragvon Stefan Jahnke » 29. Apr 2011, 21:20

Rezension

Buchtitel: Der Hexenanwalt
Autor: Wolfgang Lohmeyer
Genre: (historischer) Roman
Verlag: area Verlag GmbH, Erftstadt
Auflage/Jahr 1. Auflage 2004
ISBN: 3-89996-018-1


Wer kann die Zeit eines so viele Jahre währenden Krieges und die damit verbundenen Taten und Befindlichkeiten, die Machenschaften längst überlebter Herren und deren Befindlichkeiten, die Lust und dann auch den Frust, wen eine schöne Frau einen alternden mann abweist, besser darstellen als ein Priester, der mit sich, dem Glauben und den taten aller um ihn herum hadert?
Friedrich Spee, ein wahrer Held in der Geschichte und bekannt durch seine streitbaren Schriften nicht nur zur Hexenverbrennung, muss von Köln nach Peine. Eigentlich will man ihn aus dem Wegen haben, denn zu offen ist seine Kritik an den Hexenprozessen und allem, was diesen voraus- und nachgeht. Längst glaubt er die Schatten der Tage und Jahre in Köln vergessen, findet aber wie ein Gleichnis zur damals unschuldig den Flammen übergebenen Hennot nun eine Kräuterfrau, jung an Jahren, die, nachdem Spee durch zu wütende Calviner geschlagen und fast ermordet wurde, ihm als einzige im weiten Rund die Kopfschmerzen seines mit Mühe geflickten Schädels nehmen kann.
Spee wird nicht jünger. Aber er arbeitet fleißig an der ‚Cautio Criminalis’, dem Buch jener Jahre um den dreißigjährigen Krieg wider das Brennen der Frauen und Männer wegen Unvernunft und falschem Dünkel. Wie kommt er nur darauf, gerade eine einer beiden Handschriften an seinen ehemaligen Schüler Philipp von Kronthal zu senden? Wollte Spee, dass der einen Verleger sucht und für die Veröffentlichung dieses doch so brisanten Werkes sorgt?
Was passiert mit Philipp, was mit Spee, wenn deren Freunde, Gönner und Feinde davon Wind bekommen? Werden sie überleben, ihr Werk, sich gegen die Obrigkeit aufzulehnen, fortsetzen können? Sind sie stark genug? Und kann Spee, ein einfacher Priester, dem man sogar die letzten Weihen zum vollwertigen Lehrer an einer der renommiertesten Schulen des Reiches verweigert, sich gegen die Hohen, den Erzbischof, den Kaiser gar auflehnen? Er ist wie kein Zweiter Zeuge der schlimmsten Gräueltaten jener Zeit. Wird er sie stoppen?
Nie langweilig, sondern mit viel Spannung geladen, die Personen gewaltig und nacherlebbar gezeichnet, die Zeit gut dargestellt wagt Lohmeyer gelungen einen Spagat zwischen dem Klischee der Hexenverfolgung und den Wünschen und Ängsten einfacher und betuchterer Menschen jener so fernen Jahre. Und doch ist da auch ein scheinbarer Bezug zur heutigen Wirtschaft und Politik. Immer dann, wenn wieder einmal das eigene Wohl einzelner über das aller gestellt wird, man nach einem Bauernopfer giert, um sich zum Ersten bei Höheren lieb Kind zu machen, zum Zweiten eine Schuld zu sühnen oder zum Dritten selbst einen Vorteil für die Zukunft erhofft. Nichts ahnend schlägt er die Zuwendungen eines großen Gönners aus, wagt es auch, sich mit dem nun gedruckten Werk aus seiner Feder zu brüsten und muss hinnehmen, wie Philipp stirbt.
Spee hat gelebt. Seine Schriften gelten heute als das erste wahrnehmbare Aufbäumen der Kirche gegen sich selbst und ihre unreinen, unreifen und dummen Taten.
Kritisieren muss ich die kleine Schrift, in der die mir vorliegende Ausgabe des area-Verlages verfasst wurde. Unmöglich für eine gemütliche Lesestunde am Strand, auf dem Sofa oder im Bett, also bei nicht immer optimalen Licht- und Haltungsverhältnissen. Interessant dafür der Einband mit alter Stadtansicht von Köln, passend zu Geschichte und Zeit, und das Hardcover, das sich gut in der Hand halten lässt.
Ein interessantes Buch und geniale Fortsetzung des ersten Bandes einer Trilogie, die neugierig auf mehr macht. Auch wenn nun Hexen gar von Bischöfen gerettet und angehimmelt werden…

© + ® der Rezension:
Stefan Jahnke, Dresden
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